Camila

Camila hat neuerdings ein Fahrrad. Anfangs war sie noch etwas unsicher, aber nun fährt sie durch die Autostadt Miami wie ein Blitz. Sie liebt es, über das Meer zu fahren, auf der großen Brücke, die zu einer der vielen Inseln vor Miami, nach Key Biscane, führt. Sie ist höflich, sanft, ihr blond gesträhntes Haar hat sie im Nacken zusammen gebunden. 

 

Camila kommt aus São Paulo, der größten Stadt Brasiliens mit rund zwölf Millionen Einwohnern. Sie ist heimatverbunden und hat eine sehr enge Beziehung zu ihrer Familie. Niemals hat sie gedacht, dass sie Brasilien einmal verlassen wird und nicht weiß, ob und wann sie zurückkommt. Doch das Leben nimmt seinen Lauf und führt sie auf unbekannte Wege.

 

São Paulo

 

Als sie Augusto auf der Einweihungsparty einer Freundin kennenlernt, weiß sie das noch nicht. Er sieht sie, bevor sie ihn bemerkt. Er weiß nicht, dass sie gerade eine schmerzhafte Trennung hinter sich hat. Nach zwei Jahren Planung sagt ihr Ex-Verlobter drei Monate vor der Hochzeit alles ab. Er weiß nicht, dass sie die letzten Monate versucht hat, den Schmerz zu vergessen, sich mit Freunden getroffen hat, ausgeht, tanzt bis in die Morgenstunden, langsam wieder lebt und sich schließlich stärker fühlt als zuvor. Sie tanzt an einem Fenster, ihre Freunde stehen um sie herum und lachen - Augusto sieht sie von der Ferne und fragt seinen Freund, wer sie ist. „Die werde ich heiraten“, lacht er. Nach der Party schreiben sich die beiden, plötzlich taucht Augusto immer zufällig im Park auf, dort wo Camila mit ihrer Laufgruppe ist. Augusto wartet auf sie, im Anzug mit Aktentasche. Augusto ist ganz anders als Camila. Er ist ruhig, aber weiß was er will. Um die Weihnachtszeit gehen die beiden zusammen mit Freunden in eine Bar. Augusto bringt Panetone mit und isst sie dort. Camila ist irritiert. Doch ihn kümmert nicht, was die anderen von ihm denken. Zum ersten Date lädt er sie in eine Bäckerei ein - komisch, wie Camila findet. Es ist Januar 2009 als sie sich kennenlernen, kurz darauf sind sie ein Paar. Doch die Unterschiede führen zu vielen Diskussionen. Camila geht gerne aus, arbeitet hart und feiert viel. Augusto bleibt lieber zu Hause oder geht in eine Bar. Er ist unpünktlich, Camila straff organisiert. Sie erzählt ihm ihre Geschichte und lässt ihn ganz klar wissen: Sollte er es ernst meinen und mit ihr leben wollen, muss er sie heiraten (noch wohnt Camila bei ihren Eltern). Will er sie heiraten, dann aber bald, denn sie wird nicht nochmal den Fehler machen und solange warten. Ein Jahr darauf, im September, lädt Augustos Familie die von Camila nach Bahia ein. Bahia ist ein Bundesstaat im Nordosten Brasiliens, an der Küste des Atlantiks. Augustos Vater und die Stiefmutter sind gute Gastgeber und organisieren eine große Party. Es kommen viele Gäste, es gibt Musik und eine Bühne. Als Augusto plötzlich das Mikrofon nimmt und um Camilas Hand anhält, kommen allen die Tränen. Neun Monate später heiraten sie, kaufen sich ein Apartment, ihren Golden Retriever Jessy und sind rundum glücklich. 

 

Camila, die Computer Science studiert hat, wechselt die Firma und fühlt sich wohl in dem neuen Unternehmen. Sie ist eine angesehene Projektmanagerin, die Zusatzleistungen der Firma sind beneidenswert, sie verdient gut und ihre jahrelange harte Arbeit mit zahlreichen Überstunden zahlt sich endlich aus. Sie hat das Leben, von dem sie immer geträumt hat. 

Augusto ist studierter Physiker und Ökonom. Er hat anderthalb Jahre in Italien studiert und gelebt. Er träumt von neuen Möglichkeiten, mehr zu erfahren, woanders zu leben und seinen Doktor zu machen. Camila lacht über seine Träume, nimmt sie nicht so ernst, denn sie hat ja alles und aus São Paulo wegzugehen, kommt für sie nicht in Frage. Eines Tages, da ist sie beruflich unterwegs, rennt sie ständig auf die Toilette. Ihr Arbeitskollege lacht und fragt sie, ob sie schwanger sei.

Als sie zu Hause ist macht sie einen Test. Er ist abgelaufen - und positiv. Sie erschrickt. Augusto und sie haben über Kinder zwar immer wieder mal gesprochen, aber so geplant war das nicht. Irgendwie war da doch nie der richtige Zeitpunkt. Als er nach Hause kommt, erzählt sie ihm die Neuigkeiten. Er blickt sie an und sagt ruhig: „Dann musst du nochmal einen Test machen.“ Das ist nicht die Reaktion, die sie erwartet hat. Sie ist verletzt. Sie macht einen zweiten Test, auch der ist positiv. Sie fängt an zu weinen, überfordert, weil sie nicht weiß, was sie denken soll, enttäuscht, weil Augusto so gar keine Emotionen zeigt. Sie weiß, er ist eher rational, aber so? Weinend geht sie zu ihrem Nachbar, einem Arzt, und lässt sich nochmal testen. Zwei Tage später hat sie das Ergebnis - sie ist schwanger. Augustos große Reaktion bleibt aus, nach einigen Wochen informieren sie die Familie - alle weinen und freuen sich.

 

Die Familie

 

 

Die Schwangerschaft ist schwierig für Camila. Körperlich geht es, sie hat keine Übelkeit, aber sie ist müde. Sie fühlt, wie sich ihr Körper verändert. Früher ging sie in High Heels in die Arbeit, jetzt trägt sie Flip Flops und gähnt häufig. Immer wieder muss sie zum Arzt, sie kämpft mit einer Blasenentzündung über Monate, der Arzt verschreibt ihr Antibiotika bis zur Geburt - Camila weigert sich es zu nehmen und wechselt den Arzt. Ihre Stimmung schwankt oft, sie ist traurig. Sie fühlt sich unter Druck gesetzt, es gibt tausend Regeln während der Schwangerschaft, alle wissen es besser, alle erwarten, dass sie glücklich ist, obwohl sie merkt, wie sich ihr Leben verändert. Augusto ist noch immer neutral, sie hat Angst, dass er das Baby nicht will, es belastet sie und sie weint viel. Zwei Wochen vor der Geburt schlägt er ihr vor, zum Arzt zu gehen. Als die beiden im Untersuchungszimmer sitzen und Augusto von Camilas Weinanfällen erzählt, bricht alles aus ihr raus. Sie weint, sie erzählt dem Arzt von ihren Ängsten, dass Augusto das Kind nicht will - jetzt ist auch Augusto besorgt. „When I look back now, everything feels so stupid, but I was doing really bad in this time“. Der Arzt hört ihr zu, beruhigt sie und verschreibt ihr Antidepressiva.

 

Zwei Wochen später wird Rafael geboren. Es sollte eine natürliche Geburt werden, doch nach vierzehn Stunden Wehen ist klar: Das Baby ist zu groß und liegt falsch. Als Camila für die Operation vorbereitet wird, ist Augusto bleich im Gesicht. Die ganze Familie ist ins Krankenhaus gekommen und wartet jetzt im Nebenraum auf das Baby. Als Rafael im Kaiserschnitt auf die Welt kommt, 4kg und 53 cm, da sieht die Familie durch ein Fenster zu. Augusto hält den Kleinen und begleitet ihn zu den Untersuchungen. Camila wird zugenäht. Der Arzt schickt die Familie nach Hause, dann kommt er zu Camila ans Bett und sagt ihr, dass sie sich nicht vorstellen könne, wie sehr Augusto weint. Als er sein Kind auf dem Arm hat, da versteht er das Wunder. 

Nach zwei Tagen gehen die drei zusammen nach Hause. Dort warten ihre Schwester samt Kindern, der Hund Jessy und die Katze Mr. White auf die neu gebackene Familie. Die ersten drei Monate ist Camila in ständiger Sorge, Augusto geht nach einer Woche wieder arbeiten, aber alle freie Zeit verbringt er zu Hause. In der Nacht steht er auf und wiegt den weinenden Rafa in den Schlaf.

Nach sechs Monaten geht Camila zurück in ihre Firma. In Brasilien sind vier Monate Mutterschutz gesetzliche Pflicht, Camilas Firma gibt ihr sechs Monate. Rafa bekommt eine Tagesmutter. Für Camila ist es schwer, ihn abzugeben. Sechs Monate war sie nur mit ihm zusammen, hat ihn kaum aus den Augen gelassen - nun muss sie ihn den ganzen Tag bei einer anderen Person lassen. Es klappt nicht gut mit der Tagesmutter, Camila kann sich nicht auf sie verlassen und schließlich kommt er in die Kita. Ihn gut versorgt wissend, merkt sie, wie wichtig ihre Arbeit ist, wie sehr sie ihr gefehlt hat. Sie weiß: Gerade ist ihr Sohn klein, aber er wird irgendwann sein eigenes Leben haben und sie ihres. 

Als sich alle an das neue Familienleben gewöhnt haben, ist Augusto wieder mehr beruflich unterwegs. Oft geht es in andere Städte Südamerikas, regelmäßig fliegt er auch in die USA. Trotz der Geburt seines Sohnes hat er seinen Traum nicht aufgegeben, woanders zu leben. Sie bewerben sich für ein kanadisches Visum. Dort lebt auch Camilas Bruder. Camila nimmt ihn noch immer nicht ernst. Für sie ist alles fern ihrer Realität, doch ab und zu überlegt auch sie, was das Beste ist. Sie hat alles hier, was sie sich wünscht. Eine Familie, ein Kind, ihre Arbeit und ihre Freunde. Doch sie denkt auch an die unguten Momente, sie denkt daran, wie Augusto und sie überfallen worden sind. Sie denkt daran, wie sie im Auto saß, im achten Monat schwanger mit einer Pistole am Kopf. Wie die Männer alles geraubt haben, Eheringe, Geld, Handys und wie doch Gott sei Dank das Wichtigste verschont blieb - ihr Kind. Wenn sie den Regeln der Stadt folgt, den Regeln des Lebens in São Paulo, dann ist sie relativ sicher. Aber frei ist sie nicht. Wie soll ihr Kind aufwachsen? In was für einer Gesellschaft, mit welcher Angst? Sie fühlt sich nicht unsicher, sie wurde schon oft überfallen, das gehört dazu in Brasilien - aber als sie ihr Kind im Bauch hat, da ist es anders.

Immer wieder spricht Augusto über die Möglichkeit woanders zu arbeiten, seine Firma versucht ihn nach Kanada zu versetzen. Es klappt nicht. Seine Chefs schlagen die USA vor. Sein Kollege soll in Miami sitzen, auf einmal schlägt Camila vor, es dort zu versuchen. Miami, so denkt sie, ist nicht so schlecht. Schönes Wetter, nah an Brasilien, Touristenziel für Brasilianer- der Besuch ihrer Familie scheint hier sicher.

Doch welches Leben werden sie hier führen? Was wird Camila arbeiten, wo werden sie leben - all das ist ungeklärt. Kurze Zeit später haben sie einen Termin im amerikanischen Konsulat. Sie bekommen das Visum. Es ist entschieden - sie werden gehen. So ganz klar ist Camila zu diesem Zeitpunkt nicht, wie schwierig es werden wird. Sie bekommt als Ehefrau ein Visum, aber keine Arbeitserlaubnis. Wir werden schon eine Lösung finden, denken die beiden.

Camila erzählt ihrer Familie von den Plänen, alle weinen. Sie kündigt in ihrer Arbeit, sie vermieten ihr neues und liebevoll eingerichtetes Apartment. Augusto fliegt nach Miami und sucht nach einer Wohnung. Es ist schwierig, denn Camila will unbedingt den Hund und die Katze mitnehmen. Nach zwei Monaten Vorbereitungen sind die Koffer gepackt und es geht los.

 

 

Miami

 

„When I was leaving, I didn’t think about for how long or when I will come back“, erzählt sie. Alle sind aufgeregt. Der Hund im Bauch des Flugzeugs. Camila, Augusto, der einjährige Rafael und die Katze in der Passagierkabine. Augusto hat ein Haus in einer bewachten Reihenhaussiedlung gefunden. Die drei haben keine Möbel, nur ein kleines Bett für Rafael, den Rest gilt es zu organisieren. Es ist ein Sonntag, als die fünf in Miami ankommen. Augusto muss am Dienstag wieder auf Dienstreise gehen. Nach einigen Tagen folgt Camilas Mutter und bleibt einige Wochen. Sie hilft ihr, Möbel zu kaufen, einzurichten und eine Kinderbetreuung für Rafael zu finden. Als ihre Mutter fährt, hat sich Camila ein wenig an das Haus gewöhnt und sie haben zusammen eine Schule für Rafael gefunden. Noch immer ist Camila besorgt, die Gesundheitsversorgung funktioniert anders als in Brasilien, es ist teuer, gute Ärzte sind schwierig zu finden und sie und Rafael waren bereits in den ersten Wochen oft krank.

Rafael geht nun in eine Schule nahe Augustos Arbeit im Zentrum Miamis und Camila beschließt, sich eine Sprachschule zu suchen. Dort findet sie nach den aufregenden Wochen endlich Zeit für sich, sie findet Freunde und fühlt sich sicher dort. 

Noch immer ist sie schüchtern und fühlt sich unwohl dabei, mit den Betreuerinnen von Rafael oder den anderen Müttern Englisch zu sprechen. Augusto organisiert alles, sie gehen zusammen einkaufen, zur Bank, zu den Schulfesten, zum Arzt. Mehrmals am Tag ruft er sie an. Er beschwert sich nie.

Die Zeit in der Sprachschule ist Camilas Zeit, am Nachmittag holt sie ihren Sohn aus der Betreuung ab und kümmert sich um ihn. Doch Rafael ist oft krank, er übergibt sich oft und hustet viel. Camila machen die Klimaanlagen zu schaffen - sie ist oft angeschlagen, erkältet und alleine, denn Augusto reist beruflich viel. 

Die Stadt ist für Camila zweitrangig, sie kann nicht mehr ausgehen wie früher. Wenn ihre Freundinnen mit ihr weggehen wollen, muss sie absagen. Sie hat keinen Babysitter, sie braucht eine Stunde ins Zentrum, ihr Kind will sie nicht auch noch am Abend jemand anderem anvertrauen. Als sie die Sprachschule nach drei Monaten verlässt, ist sie besorgt. Hier fühlte sie sich gut, hier hatte sie Freunde. Doch es kann nicht ewig so weitergehen - sie geht, doch die Freunde bleiben. Oft fühlt sie sich alleine, weit weg von ihrer Familie und fernab von dem Leben in Miami. In der Nachbarschaft gibt es trotz Sicherheitsüberwachung Einbrüche, Autos werden gestohlen, Camila ist oft alleine mit Rafael und fühlt sich unsicher. Ein Jahr nach ihrer Ankunft ziehen die drei, samt Hund und Katze um. Ins Zentrum, näher zu ihren Freunden. Von der Wohnung aus kann Camila das Meer sehen. Jessy, der Golden Retriever liebt die frische Meerbrise auf dem Balkon. Rafael geht nun seit einem Jahr in Miami zur Schule. Er findet es toll, hat Freunde dort und quietscht jeden Morgen vergnügt, wenn er weiß, dass es los geht. 

 

Camila hat für zwei Monate eine Arbeitserlaubnis, dann bekommt Augusto ein neues Visum und sie darf nicht mehr arbeiten. Die einzige Möglichkeit für sie Arbeit zu finden, ist ein Arbeitgeber, der sie im Prozess um ein Arbeitsvisum unterstützt. Camila hat Karriere in Brasilien gemacht, einen Job in Miami zu finden, wird kein Problem für sie - doch einen Sponsor? Augusto ist optimistisch, er glaubt es ist einfacher als es aussieht. Vielleicht will er einfach optimistisch sein, doch Camila fühlt sich unter Druck gesetzt.

Ihr ganzes Leben lang war Camila sehr organisiert. Sie hat ihr Leben geplant, sie hat hart gearbeitet - nun steht sie plötzlich wieder am Anfang. Sie weiß nicht mehr wohin sie gehört, wo das Leben sie hinbringt. Sie weiß nicht, ob sie hier die Möglichkeit bekommen wird zu arbeiten. Was, wenn nicht? Nochmal studieren, Hausfrau sein?

 

Als Camila von ihren Zweifeln erzählt, laufen ihr Tränen über das Gesicht. „Sometimes I tell myself: The best things happen and we don’t realize it’s the best. Or I tell myself: the best things are still waiting for me.“ Wenn sie morgens aufwacht und das Meer sieht, wenn sie Rafa zu Fuß zur Schule bringt und keine Angst haben muss, sich auf der Straße zu bewegen, dann spürt sie tiefe Dankbarkeit. Doch da sind auch so viele Zweifel. Camila hat sich nie vorgestellt, dieses Leben zu leben. Nun ist alles anders. Sie hofft, ist zuversichtlich und wieder mal ist sie stärker geworden, in diesem Jahr.

 

„I’m dreaming to be with my family and to have a good job. I’m dreaming, that Rafael will become a good person with a good heart and that Augusto and I will have a calm and happy life together. I’m dreaming that we are all safe.“

 

Was eine starke Frau für sie ist, frage ich Camila. „We as women are often so underestimated. We have to be so many things in our society and we judge our selves way to much. We have to be successful with a good job, good looking, caring about the children, be good wifes, take care of the house. For me a strong woman is someone, who is able to deal with this expectations without caring too much. The society expects that you are working and I’m currently not. Not because I don’t want to but because I can’t - and I have to deal with it. I’m here, sometimes I fight against myself, but I try every day. People think about a party and sunny life when they hear that I live in Miami and I’ll let people think what they want. I don’t care, but I don’t give up! What matters is my family, my friends, my life with my husband - the rest is for them to imagine.“

 

*Camila lebt weiterhin mit ihrer Familie in Miami. Sie hat noch immer ein Visum ohne Arbeitserlaubnis.

 

 

© 2017 by Womenwholove.

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