Maria

Julia

Berlin

 

Julias Geschichte beginnt in Berlin. Dort ist sie geboren und aufgewachsen. Eine Stadt, so groß und vielfältig wie ihre Bewohner. Eine Stadt voller Geschichte. Eine Stadt voller Gegensätze.

Nahe des Botanischen Gartens, in einer Straße, die den Namen einer Blume trägt, steht das Haus ihrer Eltern. Das Haus wird eine große Rolle spielen in Julias Leben. Eine alte Offiziersvilla aus der Jahrhundertwende, der Efeu rankt an der Außenfassade hoch, ein verwunschener Garten mit kleiner Veranda hinten dran. Julia kommt in den achtziger Jahren zur Welt, überraschend für die Eltern, die dachten sie könnten keine Kinder kriegen und drei Monate zu früh. Sie wächst in einem idyllischen Zuhause auf. Ihre Eltern, so dankbar für das unvorhersehbare Geschenk, überschütten sie mit Liebe. Ihre Mutter, Kunsthistorikerin, bleibt zu Hause und kümmert sich um die Tochter, der Vater, Professor für Kunstgeschichte, lehrt an der Universität. Nachmittags spielt sie mit ihren Freundinnen auf der Straße, sie zelten im Garten, abends kommen oft die Studentinnen und Studenten des Vaters zu Besuch und alle sitzen zusammen am großen Tisch und lachen und reden bis tief in die Nacht.

Julia ist schon früh selbstständig. Wenn sie müde ist, geht sie alleine ins Bett. Sie lernt ohne Aufforderung für die Schule. Trotzdem graut es ihr im ersten Jahr am Gymnasium jeden Sonntagabend vor der neuen Woche und dem Druck, den sie dort zu spüren bekommt. Doch sie ist niemand, der Herausforderungen aus dem Weg geht.

Mit sechzehn will sie sich einen großen Wunsch erfüllen und einmal im Ausland leben. Inspiriert von ihrer Tante, ihren Onkels und den Freundinnen, die in Italien, Japan, England und den USA leben oder gelebt haben, will auch sie raus von zu Hause und in die große Welt. Sie geht für ein halbes Jahr nach Irland.

 

Irland

 

Als sie das Haus verlässt, ist sie voller Vorfreude, aber auch ein bisschen ängstlich angesichts dessen, was nun kommen wird. Ihre Eltern begleiten sie. Sie wird ein Internat besuchen und alle zwei Wochenenden bei einer Gastfamilie wohnen. Es fällt ihr schwer, sich an das neue Umfeld zu gewöhnen. Das Leben in Irland ist anders als zu Hause. Ihre irische Gastmutter und deren türkischer Ehemann haben ganz andere Gewohnheiten. Der Kontakt nach Hause ist begrenzt, denn 2003 gibt es noch keine Smartphones und die Anrufe von den Eltern über das Telefon an der Wand im Aufenthaltsraum müssen sorgfältig geplant werden. 

Julia freut sich, als der Abschied näher rückt. Sie freut sich auf ihre Familie, ihre Schulfreundinnen, das Haus. 

Ihr Vater kommt nach Irland, um sie abzuholen. Mit der Nachricht, die er im Gepäck hat, hat sie nicht gerechnet: Die Eltern haben sich getrennt. 

Julia kann es erst nicht glauben und weiß nicht, wie sie reagieren soll. Ihr Vater ist mehr mit der eigenen Trauer über die gescheiterte Ehe beschäftigt als damit ihren Schmerz wahrzunehmen. 

Veränderungen und Erwachsen werden

 

Als Julia nach Hause kommt, ist nichts mehr so wie es war. Die Mutter hat einen neuen Partner und ist mehr oder weniger ausgezogen. Das große alte Haus, mit dem knarzendem Parkettboden, dem alten Ohrensessel und den vielen Büchern wirkt leer ohne ihr fröhliches Wesen. Schnell stellt sich heraus, dass ihr Vater ebenfalls eine neue Beziehung hat. Seine Freundin lebt in Frankreich. Oft ist er nur deshalb noch einige Tage unter der Woche zu Hause und fährt für lange Wochenenden nach Paris. Die Versuche der Eltern an Julia heranzukommen, schlagen fehl. 

Sie kapselt sich von ihren Eltern ab, zwei ihrer besten Schulfreundinnen sind in dieser Zeit selbst im Ausland, die anderen lernen oder feiern viel. Julia fühlt sich alleine. 

Mit der Trennung kommt auch die Konfrontation mit ihrer eigenen Zukunft. Julia sieht ihre Eltern, die sich ein neues Leben aufbauen. Sie kennt die Studentinnen und Studenten ihres Vaters, die immer gut gelaunt sind, aber selten eine feste Arbeit haben. Das Geld ist knapp. 

Sie beschließt Jura zu studieren. “Mit Jura kann ich alles machen, was ich will”, denkt sie. Vielleicht könnte sie in einem Verlag arbeiten oder Journalistin werden? Auf jeden Fall wünscht sie sich ein Leben ganz im Gegensatz zum Leben ihrer Eltern; geregelte Arbeitszeiten und Stabilität.

Alle, denen sie von ihrem Plan erzählt, sind entsetzt. Sie, Julia, ein Jura-Studium und nichts Kreatives? Der Vater ist skeptisch. Doch sie hat sich entschieden und schreibt sich gleich nach ihrem Abitur an der Uni ein.

 

Julia studiert nun und wohnt alleine in dem großen Haus. Sie hat schon seit einigen Jahren einen Freund und verbringt viel Zeit mit ihm. Als er einen Job in der Schweiz bekommt, ziehen die beiden zusammen nach Freiburg. Er pendelt nach Basel, sie setzt in der Universitätsstadt ihr Studium fort. Julia fokussiert sich voll auf ihr Studium, schreibt gute Noten und arbeitet nebenbei an einem juristischen Lehrstuhl. Ihr Leben scheint perfekt, aber sie ist von dem ständigen Druck an der Uni erschöpft. Dann ist es soweit und sie schreibt ihr erstes Staatsexamen. Am zweiten Tag bekommt sie während der Prüfung plötzlich Herzrasen. Ihr wird schwindelig, sie ist bleich im Gesicht, die Aufsichtsperson reicht ihr Wasser und Pfefferminzöl und bietet ihr an, die Prüfung abzubrechen. Julia macht weiter.

Einen Monat später macht sie den zweiten Versuch - um ihre Angst zu überwinden. Sie besteht beide Versuche. Aber sie ist kraftlos, ausgezehrt. Trotzdem beginnt sie auf das Angebot ihres Professors hin, bei ihm zu promovieren. Wie schon vor dem Examen, geht es in ihrem Leben hauptsächlich um Paragraphen und Gesetzbücher. Ihren Freund sieht sie immer weniger, denn er ist beruflich viel unterwegs. Als er an ihrem Geburtstag nicht nach Freiburg kommt, weiß sie, dass etwas nicht stimmt. Kurz danach trennt er sich von ihr. Nach fast neun Jahren Beziehung geht er, ohne auch nur eine kleine Tasche zu packen und ist aus ihrem Leben verschwunden. Was bleibt, sind seine bereits sehr kranke und alte Katze, die gemeinsame Wohnung und ein Leben, in dem Julia so gar nicht mehr glücklich ist. 

Julia pflegt die Katze liebevoll. Als sie stirbt und Julia nicht weiß, wie es weitergehen soll, kommt ihr Vater und verbringt mit ihr eine Woche in der Schweiz. Zum ersten Mal seit langem verbringen die beiden wieder Zeit zusammen. Sie reden viel. Er schlägt ihr vor, wieder nach Berlin zurückzukehren. Nach Hause, weg von einem Leben, das nicht mehr wirklich ihres ist. Promovieren könnte sie auch dort. Zurück in Freiburg bestellt Julia einen Umzugswagen, packt ihre Sachen und die ihres Ex-Freunds in getrennte Kisten und zieht zurück nach Berlin.

 

Wieder Berlin

 

Sie ist nun wieder alleine im Haus. Der Vater kommt mit seiner neuen Frau gelegentlich nach Berlin. Dabei geht es eher um berufliche Verpflichtungen als einen Besuch, um Zeit miteinander zu verbringen. Das Kennenlernen fällt beiden Seiten schwer. Julia versteht sich nicht gut mit der Frau des Vaters, geht jeden Tag in die Bibliothek und schreibt.

Auch mit ihren Schulfreundinnen ist es nicht mehr so wie früher. Sie haben unterschiedliche Leben, die Freundinnen machen Karriere und arbeiten auch am Wochenende oder feiern. Julia arbeitet dagegen den ganzen Tag an der Doktorarbeit. Sie möchte dieses Kapitel ihres Lebens abschließen.

Als sie eines Tages aus der Bibliothek nach Hause zurückkommt, steht das Fenster zum Garten offen, die Scheibe ist eingeschlagen. Der Schreck nach dem Einbruch sitzt tief. Er hinterlässt seine Spuren bei Julia. Der oder die Täter waren im ganzen Haus. Sie haben aber nur ihre Sachen durchwühlt, jede Schublade, die Unterwäsche ist schmutzig von den dreckigen Fingerabdrücken. Nach dem Einbruch schreckt sie bei jedem Knarzen auf, jedes Mal, wenn sie nach Hause kommt, prüft sie bei offener Wohnungstür und ohne ihre Sachen abzulegen zuerst, ob alles in Ordnung ist. Wie verrückt versucht sie alles ordentlich zu halten. Sie prägt sich den Standort jedes Gegenstandes ein, bevor sie das Haus verlässt. Sie will die Kontrolle behalten und fühlt, wie sie ihr immer mehr entgleitet. Nur wenige ihrer Freunde können ihre Angst nachvollziehen. Die Eltern finden, sie übertreibt. Mit dem Vater gibt es deshalb immer wieder Streit. Da beschließt sie, für eine Forschungsreise nach England zu gehen, raus aus dem Haus, aus dem Alltagstrott.

Das Haus will sie solange an eine Studentin oder Doktorandin vermieten. Sie findet keine, die alleine in einem großen Haus wohnen will. Doch dann kommt Diego.

Die Begegnung

 

Diego ist Kolumbianer und will nach seinem Doktor in Frankreich noch für drei Monate nach Berlin gehen, um an der Uni zu forschen und die Stadt kennenzulernen. Als Julia nach England geht, drückt sie ihm die Schlüssel in die Hand. Als sie einige Wochen später wiederkommt, verbringen sie jeden Tag miteinander. Das Haus wird zur „Auberge Espagnole“, wie Julia es liebevoll tauft. Mal wohnt noch eine Russin, eine Ukrainerin oder eine Amerikanerin mit Julia und Diego im Haus. Es ist endlich wieder Leben im Haus. Nun ist es wieder wie früher, als die Studentinnen und Studenten des Vaters bei ihnen ein und aus gingen. Es wird diskutiert, getrunken und gelacht. Die gemeinsame Sprache ist Englisch. Diego und Julia kommen sich näher. Erst will sie das nicht, denn sie weiß, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis Diego Berlin verlassen wird. Doch dann lassen sich die Beiden treiben. Es ist Sommer in Berlin, sie kochen zusammen, gehen ins Theater, in Museen und in die Oper.

Mit Diego scheint auf einmal alles wieder leicht, er ist interessiert an Berlin, Kultur, gutem Essen, Musik und an Julia. Als wäre die Welt vorher grau gewesen, ist sie nun bunt.

Diego entscheidet, dass er über seinen dreimonatigen Forschungsaufenthalt hinaus in Berlin bleibt. Er fliegt erst nach Kolumbien zurück, als sein Visum ausläuft. Im Dezember ist es soweit, er muss zurück nach Kolumbien, in seine Heimat, zu einer auf ihn wartenden Stelle an der Universität. Beide wussten, dass es der Moment kommen würde, aber als er da ist, ist es schwer. Julia will keinen Kontakt, zu schwierig und sinnlos. Doch am Weihnachtsmorgen meldet sich Diego nach drei Wochen Funkstille und bittet um ein Skype-Gespräch. Er sagt, er könne Julia nicht vergessen. Ob sie seine Freundin sein wolle?

 

Kolumbien

 

Drei Monate später, Anfang 2014, sitzt Julia im Flugzeug nach Bucaramanga, einer Stadt nördlich von Bogotá mit einer halben Million Einwohnern. Sie will das Leben von Diego in Kolumbien kennenlernen, seine Familie, bei ihm sein. Julia war noch nie so weit weg. Eigentlich hat sie Flugangst. Doch es gefällt ihr. Es ist schön endlich zusammen zu sein, sie mag die Familie von Diego. Zurück in Berlin beschließt sie Spanisch lernen. 

In den kommenden zwei Jahren kommen Julia und Diego sich abwechselnd gegenseitig besuchen, Julia schreibt weiter an ihrer Doktorarbeit in Berlin, Diego arbeitet an der Universität in Bucaramanga. Im Herbst 2016 ist Diego für eine Woche in Berlin und die beiden gehen im Botanischen Garten spazieren. Plötzlich findet Julia eine kleine Schachtel unter dem „Kuchenbaum“, dem Baum, der ihr als Kind immer sehr gut gefallen hat. Darin ist ein zierlicher goldener Ring mit einem grünen Smaragd – dem Edelstein Kolumbiens und der Farbe von Julias Augen. Julia ist sprachlos, Diego bringt ebenfalls kein Wort heraus. Sie umarmen sich.

Über das Heiraten haben beide vorher nicht viel gesprochen. Julia dachte, Diego möchte nicht heiraten. Sie selbst hat bisher wenig darüber nachgedacht. Durch die Trennung ihrer Eltern hat ihre heile Welt einen heftigen Riss bekommen. Die Mutter sagt immer wieder, dass Heiraten nicht wichtig ist. Dennoch - die Entscheidung zu heiraten ist bedeutend für Diego und Julia. Sie finden es wichtig, sich zueinander zu bekennen, ihre Liebe, die durch die Distanz zwischen Europa und Südamerika immer wieder auf die Probe gestellt wird, auch offiziell zu machen.

 

Ein Jahr später, im August 2017, ist es soweit. Als Julia wieder in Kolumbien zu Besuch ist, geht plötzlich alles ganz schnell. Als sie auf dem Notariat sind, um sich allgemein über das Prozedere zu erkundigen, bietet der Notar den beiden einen Termin in zwei Wochen an. Sie sagen zu. Es ist eine, für kolumbianische Verhältnisse, sehr kleine Hochzeit. Im Notariat dürfen nur neun Personen dabei sein. Zur Feier sind vierzig Leute gekommen, darunter Diego’s Familie und auch einige Freunde. Obwohl alles so schnell ging, kann ein deutscher Freund mitfeiern. Julias Eltern sind nicht dabei. Die Verpflichtungen des Vaters lassen die lange Reise nicht zu. Außerdem ist die Situation der mittlerweile geschiedenen Eltern und ihren neuen Partnern angespannt. Julias Mutter ist trotzdem dabei - per Skype. Diegos Bruder hält das Smartphone hoch und übersetzt für die Mutter. Als Diego und Julia sich das Ja-Wort geben, schluchzt es leise aus dem Telefon.

Es ist eine schöne Trauung. Jeder der Gäste gibt dem Brautpaar einen Wunsch mit auf den Weg. Als die kleine Hochzeitsgesellschaft aus dem Notariatszimmer heraustritt, beginnt ein Mitarbeiter Salsa zu tanzen. Die Stimmung ist ausgelassen und fröhlich.

Am Abend treffen sich alle auf einem Streetfood-Markt und feiern im kleinen Kreis. Am darauffolgenden Tag gibt es ein Mittagessen in einem Restaurant in den Bergen. Der Hochzeitsplaner dekoriert das Restaurant mit Hortensien und Julia erinnert sich an ihr Zuhause in Berlin. 

Einen Monat später ist Julia wieder in Deutschland, die Verteidigung ihrer Doktorarbeit steht bevor. Sie wird die Tage in Freiburg als wunderschön in Erinnerung behalten. Ihr Stiefvater steht bei der Vorbereitung der Prüfungen an ihrer Seite, ihre Mutter unterstützt sie, wo sie kann, ihr Vater begleitet sie während der Prüfungstage und ist die ganze Zeit über voll für sie da. Ihre Freundinnen und Freunde freuen sich mit ihr. Am letzten Tag feiern alle gemeinsam in einem Restaurant. Ein Einschnitt ist die Verteidigung der Doktorarbeit jedoch nicht. Noch hat sie, ihren Alltag und ihr Leben in Berlin. Doch als die Doktorarbeit fertig ist, ist es soweit und im März 2018 geht Julia nach Kolumbien. Ein neues Leben beginnt.

 

Leben in Kolumbien

 

An Kolumbien hat Julia immer besonders die Landschaft gefallen, die Weite. Sie, das Einzelkind, genießt die enge Familiengemeinschaft. Es kommt ihr so vor, als würden die Menschen hier mehr für einander da sein. Die Kolumbianer wirken auf sie herzlich, die positive Einstellung der Menschen gefällt ihr. Wenn Julia mit Diego Zeit in Kolumbien verbringt, reisen sie und lernen verschiedene Gegenden kennen. Sie verbringen auch eine Art Alltag zusammen – ruhige Abende zu Hause, gemeinsames Kochen, Treffen mit Freunden. Mit Diego an ihrer Seite fühlt sie sich geborgen. Sie fühlt sich angenommen und gut in der fremden Umgebung. Diego bringt sie zum Lachen und sie fühlt sich nach der anstrengenden Zeit der Doktorarbeit frei.

Als Julia über ihre ersten Monate in Kolumbien spricht, sitzt sie auf dem Sofa ihrer neuen Wohnung in Bucaramanga. Der Balkon geht nach hinten raus. Man kann die Berge sehen. Bunt gefederte Kolibris fliegen vorbei und tauchen ihren Schnabel in den kleinen Wasserbehälter, den Julia für sie aufgehängt hat. Julia, mit rotblondem Haar und Brille lacht viel, während sie erzählt.

Doch leicht war der Anfang nicht für sie. Bis zur Hochzeit wohnt Diego noch mit seinem Bruder zusammen in einer Eigentumswohnung der Eltern. Nach der Hochzeit zieht der Bruder vorübergehend aus, um ihnen etwas Privatspäher zu geben. Doch nach Julias endgültiger Ankunft in Kolumbien, müssen sie eine eigene Wohnung finden. Sie haben Glück. Schnell finden sie eine Wohnung in einer ruhigen Gegend in Nähe zur Natur. In weniger als zehn Tagen richten sie die Wohnung komplett ein. Dabei finden Poster und Erinnerungsstücke der beiden aus Deutschland und Frankreich einen besonderen Platz. Es geht alles sehr schnell. Diegos Stelle an der Universität ist anspruchsvoll und zeitaufwendig. Er reist viel. Es bleibt kaum Zeit zu zweit. Julia versucht, in das Tempo einzusteigen, Zeit mit der Familie zu verbringen, alles Organisatorische zu erledigen, Freunde und einen Job zu finden. Auch in der neuen Wohnung findet Julia nur schwer zur Ruhe, ihr fehlt ihre alltägliche Routine und immer kommt irgendjemand zu Besuch vorbei. Die Spontaneität, die sie vorher so begeisterte, überfordert sie jetzt.

Julia versucht sich ihr eigenes Leben aufzubauen, eine Arbeit zu finden. Bei ihren zahlreichen Besuchen hat sie Kontakte aufgebaut und interessante Organisationen kennengelernt. Als sie noch in Berlin lebte, schien die Zukunft in Kolumbien deshalb unkompliziert und einfach. Die Menschen offen, die Möglichkeiten zahlreich. Nun merkt Julia, wie anders alles im täglichen Leben läuft. Die Bewerbungsprozesse sind intransparent. Es ist leicht, Bekannte zu finden, aber auch hier haben sich die Freunde von früher weiterentwickelt oder leben nicht mehr in der Stadt. Julia, die so gerne Dinge anpackt, ist plötzlich wie gelähmt. Als es wegen der Anerkennung ihres deutschen Universitätsabschlusses Probleme gibt, die jede Einstellung verhindern, bekommt sie Panik. Sie fühlt sich plötzlich klein, wertlos, abhängig von Diego. Der ist überfordert mit der Situation. Julia ist plötzlich nicht mehr die selbstbewusste Berlinerin, sondern bekommt immer öfter Panikattacken. 

Sie beschließt, sich Hilfe zu suchen, und geht zu einer Psychologin. Sie versucht, sich Zeit zu lassen, geduldig zu sein, einen eigenen Rhythmus zu finden. Aber sie fühlt sich wie zwischen den Stühlen. Sie will keine Hausfrau sein, sie ist ungeduldig. Sie kann die unklaren Bewerbungsprozesse nicht nachvollziehen, die auf der Anerkennung des Uni-Abschlusses bestehen, aber selbst nicht wissen, was dafür erforderlich ist. Irgendwann ist es auch für Diego alles zu viel. Der Druck ist enorm, die Angst, dass beide es in Kolumbien nicht schaffen. Waren die Erwartungen zu groß, waren sie zu naiv zu glauben, sie würden es gemeinsam in Kolumbien schaffen und dort ein neues Leben anfangen? Als Julia ihren verzweifelten Mann in den Armen hält, da spürt sie plötzlich wieder ihre Stärke, ihren alten Optimismus. Als er seine Schwäche zeigen kann, ist es ihr auch wieder möglich stärker zu sein. Danach fühlt sich Julia wieder näher zu Diego. Das erste Mal seit ihrer Ankunft fühlt sie, dass die beiden wieder ein Team sind und dasselbe Tempo haben. 

Julia fragt in ihrem Netzwerk, wer ihr Kontakte an die Unis verschaffen kann, denn die Bewerbungen sind nur über Kontakte möglich. Sie wird zu Bewerbungsgesprächen eingeladen - es läuft gut, doch es fehlt an Erfahrung mit der Einstellung von Ausländern. Sie beschließt, an einem Sommerkurs an einer renommierten Uni in Bogotá teilzunehmen, um mehr über den Friedensprozess in Kolumbien zu lernen, Kontakte zu bekommen, neues Selbstbewusstsein zu gewinnen. Doch dort bricht sie völlig zusammen. Die Höhe macht ihr zu schaffen. Ihr fehlt ihre Familie, die Freundinnen, vor allem die Mutter. Die Realität des Landes ist hart, ihr Glauben an die positive Entwicklung wird durch die Fakten der Politikwissenschaftler schwer erschüttert. Julia ist völlig verunsichert und verliert jede Selbstsicherheit. Diego ist eingebunden in die Arbeit und kann nicht verstehen, was los ist. Zum Glück ist eine kolumbianische Freundin für sie da. Sie fährt nach der Arbeit lange Zeit durch die Millionenstadt, um Julia zu treffen. Sie lässt ihre Hand nicht los, hört zu, atmet mit ihr, lässt sie weinen. Und erinnert sie: Wir sind im Hier und Jetzt.

Die vielen Bekannte, die sie über die Jahre in Bucaramanga kennengelernt hat, führen ihr eigenes Leben. Freundschaften zu schließen, ist viel schwerer, als sie es sich vorgestellt hat. Wenigen Bekannten erzählt sie von ihren Panikattacken. Sie raten ihr, auf Gott zu vertrauen. Julia, Atheistin, kann damit wenig anfangen. Richtig anvertrauen kann sie sich nur einer neuen italienischen Freundin, die schon länger in Kolumbien lebt. Sie fühlt sich von ihr verstanden. Allein ihren engsten Freundinnen in Deutschland sagt sie, wie es ihr geht. Viele deutsche Freunde waren sowieso skeptisch, dass sie als promovierte Juristin nach Kolumbien geht und damit ihrer Meinung nach ihre berufliche Zukunft aufs Spiel setzt. Panikattacken bei Freizeit und Dauersommer – das ist für sie selbst schwer zu anzunehmen.

Julias Leben hat sich um hundertachtzig Grad gedreht. Noch vor einigen Monaten war ihr Leben eine einzige Routine, Paragraphen, Bibliothek, schreiben, jeden Tag. In Kolumbien gibt es keinen Alltag, jeder Tag sieht anders aus. Man weiß nie, wer an der Tür klingelt, was erledigt werden muss. Das familiäre Leben ist intensiv. Julia muss noch ihre Rolle finden, die ihr ihren eigenen Raum lässt. 

Seit sie in Kolumbien ist, wird Julia viel mehr mit sich selbst konfrontiert. “Ich wurde von meinen Eltern und besonders meiner Mutter immer so erzogen, dass ich als Frau gleichberechtigt bin und alles schaffen kann. Manchmal glaube ich, dass ich mir deshalb aber auch so viel Druck gemacht habe und Erfolg und gute Noten so wichtig für mich waren. Ich habe mich oft gar nicht gefragt, was mir eigentlich Spaß macht. Stattdessen habe ich versucht zu funktionieren und mich immer unter Druck gesetzt, erfolgreich zu sein.” Jetzt, da der Erfolg auf sich warten lässt, hat Julia mit sich zu kämpfen.

Diego lässt sie sein, wie sie ist, doch die kolumbianische Gesellschaft ist machistisch. Von klein auf werden die Mädchen hübsch gemacht und nach ihrem Aussehen beurteilt, die Frage nach Kindern ist eine der ersten, die auch Julia täglich von wildfremden Menschen gestellt bekommt. Sie fragt sich, ob Kind oder Karriere die einzigen zwei Erfolgskomponenten im Leben sind. Julia versucht, sich frei zu machen von den Erwartungen der Gesellschaft - und ihren eigenen.

“Wenn mich als Kind jemand gefragt hat, wer mein Vorbild ist und was ich werden will, sagte ich: Klosetttieftaucherin”, erzählt sie lachend. Sie wollte keine Vorbilder haben. Vielleicht, um einfach sie selbst sein zu können und sich nicht am Leben eines anderen messen zu müssen. Nun versucht sie wieder, daran anzuknüpfen. “Für mich ist eine starke Frau jemand, die in sich ruht. Das hat nichts mit Status, Karriere oder Kindern zu tun. Es hat nichts damit zu tun, was sie für Entscheidungen trifft. Für mich ist eine starke Frau, jemand, die nicht die Ellenbogen ausfährt, sich nicht isoliert, sondern auf sich und andere achtet und dabei nicht sich selbst verliert.”

 

Ob Julia und Diego in Kolumbien bleiben werden, wissen sie nicht. Jetzt möchte sie sich aber erst mal dort ein Leben aufbauen. Und irgendwann, so träumt sie, haben sie vielleicht mal ein Haus am See. Ob in Kolumbien, Deutschland oder sonst irgendwo auf der Welt. Ein Haus am See, vielleicht mit rankendem Efeu an der Wand, wie zu Hause in Berlin und einer Veranda und immer voller Leute - fast wie früher, in der „Auberge Espagnole“.

*Julia und Diego heißen eigentlich anders. Ihre Namen wurden für diesen Artikel aus Rücksicht auf Diego's Privatsphäre geändert. Julia besucht gerade einen Kurs an der Universität Bucaramanga, um ihren Abschluss auch in Kolumbien anerkennen zu lassen. Sie hofft, dass sie bis Anfang 2019 als Juristin anerkannt ist.

Photo © K. König

© 2017 by Womenwholove.

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