Kate

Kate hat ein Büro mit Aussicht. Die Sonne glitzert und spiegelt sich in den Hochhäusern von Chicago. Von ihrem Schreibtisch aus, kann sie auf die Stadt blicken. Die Autos und Menschen haben von dort oben Spielzeugformat. Für die junge Frau Anfang dreißig, mit dunkelblondem Haar, sympathischen Lächeln und fester Stimme, sind es bald zwei Jahre in der Millionenmetropole. Sie erinnert sich noch genau an den Tag, an dem Christoph nach Hause kam und sie fragte, ob sie gemeinsam nach Chicago gehen würden. Sie kam von der Arbeit, trug eine Jeansjacke über ihrer Bluse und hatte Frühlingsrollen vom Asia Laden um die Ecke mitgebracht. Als sie die Rollen in die Sauce dippten, erzählte Christoph von dem Angebot seines Arbeitgebers. Sie musste nicht lange überlegen - sie hatten bereits vorher darüber gesprochen und es war klar, dass sie bereit waren. Dass aus Katharina Kate werden würde und was alles vor ihr lag - das wusste sie damals natürlich nicht.

 

Katharina wächst behütet in einer kleinen Stadt im Schwarzwald auf, im Süden von Deutschland auf. Man kennt sich, das Leben ist ruhig und beschaulich. Jeden Morgen wartet Katharinas bester Freund an der Haustür und sie gehen zusammen zur Schule. Katharina kommt ganz nach ihren Eltern. Beide sind ambitioniert, ehrgeizig und selbstständig. Katharina ist strukturiert, gut in der Schule und gute Noten sind für sie selbstverständlich. Auch als Katharina älter wird, fällt ihr die Schule leicht, aber was sie wirklich in ihrem Leben machen will, weiß sie nicht. Nach dem Abitur steht ihr die Welt offen. Ihr bester Freund Christoph wird wegen des Zivildienstes noch ein Jahr in der Heimatstadt bleiben, doch sie will raus und bewirbt sich für einen Studienplatz in Heidelberg. Kurz vor dem Abiturball bekommt sie die Zusage - ab September wird sie einen Bachelor in International Business Administration und Tourism Management beginnen. Es ist das letzte Event in der Schule, der Abschluss eines Lebensabschnitts in greifbarer Nähe, Katharina und Christoph blicken zurück auf all die gemeinsamen Erlebnisse und die besonderen Momente der letzten Jahre. Da wird beiden plötzlich klar, dass sie mehr verbindet als nur Freundschaft. 

Unterwegs

Ab Herbst führen Katharina und Christoph eine Fernbeziehung. Heidelberg ist nur eine Stunde entfernt und so können sich die beiden oft sehen, doch als sie für ein Praktikum drei Monate auf die Kanarischen Inseln geht, wird es schwieriger. Noch gibt es kein Skype und Katharina muss eine halbe Stunde ins nächste Internet-Café laufen, um ihrem Freund eine E-mail zu schreiben. Die Telefonate aufs Festnetz sind kurz. Ein Jahr später beginnt auch Christoph ein Studium und zieht Katharina hinterher. Doch die gemeinsame Zeit in der Stadt ist kurz, denn Katharinas Studium ist fast fertig und sie hat bereits neue Pläne geschmiedet. Recht schnell hat sie gemerkt, dass ihr Bachelorstudium sie inhaltlich nicht gereizt hat. Sie will mehr. Mehr von den “Softskills” die sie sich während der letzten Jahre angeeignet hat. Die neue Sprache, das Kennenlernen von neuen Kulturen und das Realisieren von tollen Projekten. Für ihren Master zieht Katharina nach Brighton, einer kleinen Stadt in England südlich von London. Sie wird dort die nächsten eineinhalb Jahre verbringen und International Management und Entrepreneurship studieren. Sie weiß, dass die Entfernung größer sein wird als bisher und sie Christoph nicht mehr so oft sehen kann. Sie weiß, dass es schwierige Momente geben wird. Aber sie ist begeistert von dem Studium und dem internationalen Umfeld. Alle leben auf einem Campus zusammen, ihre Mitstudenten kommen aus der ganzen Welt. Jetzt wo es Skype gibt, ist es einfacher am Leben des anderen teilzunehmen. Katharina zeigt Christoph ihr Zimmer durch die Kamera, manchmal essen die beiden zusammen oder Katharinas Freunde winken in die Kamera. Brighton liegt am Meer und wenn Christoph zu Besuch ist, machen die beiden lange Spaziergänge am Strand. Auch ihm gefällt es auf den britischen Inseln und er beschließt seinen Master in Schottland zu machen. Nach eineinhalb Jahren Fernbeziehung ziehen Katharina und Christoph in Edinburg zusammen. Während sie ihre Masterarbeit schreibt, beginnt er mit seinem Studium. Die erste Zeit ist toll. Beide sind glücklich endlich zusammen zu sein. Die Stadt ist wunderschön und sie haben sich ein gemeinsames Zuhause eingerichtet. Während Christoph in der Universität ist, schreibt Katharina an ihrer Masterarbeit. Sie schmiedet Pläne für ihre zukünftige Karriere. Doch nachdem die Arbeit abgeschlossen ist und auf die ersten Bewerbungen Absagen kommen, wird ihr klar, dass sie es als Berufseinsteiger in Schottland nicht leicht haben wird. Die meisten ihrer Kommilitonen gehen nach London und steigen in großen Unternehmen als Trainee ein. Doch Katharina weiß nicht, ob das ihr Weg ist. Sie fragt sich, was sie wirklich machen will. Wenn Christoph aus der Uni kommt, ist sie jetzt oft unzufrieden und frustriert. Als eine Freundin aus Taiwan Katharina zu ihrer Hochzeit einlädt, ist das eine willkommene Abwechslung. Doch wie soll sie als Studienabsolventin den Flug bezahlen? Katharina recherchiert nach Praktika in Taiwan und bewirbt sich bei der deutschen Außenhandelskammer. Sie bekommt die Stelle und einige Wochen später sitzt sie im Flieger nach Taiwan.

 

Auf der Hochzeit ist sie der Ehrengast. Die 1,76 Meter große Deutsche, mit den blonden Haaren und der weißen Haut ist die Attraktion der Feier. Alle wollen sie anfassen und Fotos mit ihr machen. Auch auf dem Weg zur Arbeit, machen die Leute heimlich Bilder von ihr. Alles ist anders hier. Die Farben, die Sprache, das Essen, die Kleidung. Wenn Katharina raus geht, hat sie immer kleine Zettel mit chinesischen Schriftzeichen dabei. Dort steht, wo sie wohnt, wie sie heißt und das sie Vegetarierin ist. Katharina fühlt sich wohl - sie war vorbereitet und in ihrer Arbeit lernt sie viel über das Land. In Taiwan kommt sie wieder zu sich selbst, plötzlich weiß sie wieder, was sie machen will. Reisen bringt für sie irgendwie immer alles ins Lot. “Das Korsett, das wir Deutschen haben, dass wir denken, man muss immer einen Plan haben und alles muss Sinn machen, das macht nur in einem kleinen Radius Sinn und es braucht nicht viel, um den zu sprengen. Viele sagen, man kann nicht alles im Leben haben, aber ich glaube, man kann alles haben - nur eben nicht gleichzeitig. Aber diese Gelassenheit hatte ich damals noch nicht”, erzählt Katharina während sie über die Dächer von Chicago blickt. 

Natürlich vermisst sie Christoph in der Zeit in Taiwan, sie sehnt sich auch nach Stabilität, ihm wieder näher zu sein. Doch die Zeit dort ist für beide wichtig. Sie sind lange zusammen und finden es fair, dass jeder nochmal die Möglichkeit hat, sich auf seine Sachen zu konzentrieren.

 

Aber jetzt, nach all den Stationen und Jahren der Fernbeziehung wünschen sich beide wieder näher beinander zu sein. Die beiden kehren zurück in ihre Heimatstadt und fangen an sich zu bewerben. Katharina findet eine Anstellung in einem großen deutschen Verlagshaus, Christoph bekommt eine Stelle in der Automobilbranche zwei Autostunden entfernt. Wieder haben sie eine Fernbeziehung, fahren Freitags mit Vorfreude und Sonntags mit einem bedrückten Gefühl im Bauch über die Autobahn. Beide sind erfolgreich in ihrem Beruf, doch jetzt tauchen immer öfter die Fragen nach der Zukunft der Beziehung auf. Wohin soll diese ewige Pendelei führen? Wie soll ihre gemeinsame Zukunft aussehen? Sie sind bereits acht Jahre ein Paar. Zwei Jahre nach ihrer Rückkehr nach Deutschland besuchen die beiden Freunde in München. Sie hatten immer Vorurteile gegenüber der Stadt - zu teuer und abgehoben - doch als sie dort sind, scheinen sich diese nicht zu bestätigen. Die Stadt ist grün, ein Fluss und zahlreiche Parks laden zum Verweilen ein und die Leute sitzen in Biergärten unter Kastanienbäumen. Plötzlich fällt es ihnen wie Schuppen von den Augen: beide Arbeitgeber haben Standorte dort, die Stadt ist wunderbar, ihre Freunde leben bereits dort - alles scheint perfekt. Drei Monate später ziehen Katharina und Christoph nach München. Für Katharina ändert sich beruflich nichts. Die Hälfte ihres Teams sitzt sowieso in München und sie fühlt sich wohl im Büro. Christophs Stelle ändert sich dagegen sehr. Er wechselt die Position, für viele unverständlich, weil das Gehalt und der Status in Stuttgart attraktiver scheinen. Doch Christoph machen die Kommentare nichts aus. Für ihn ist es wichtig, eine gemeinsame Zukunft mit Katharina zu haben und seine Karriere weiter voranzutreiben - und diese Chance  gibt es nur in München. Diese Entscheidung wird sich für Christoph später auszahlen - das Abenteuer Chicago wäre ohne den Wechsel nicht möglich gewesen. Die nächsten zwei Jahre vergehen wie im Flug. Unter der Woche arbeiten beide, am Wochenende fahren sie regelmäßig in die Berge und treffen Freunde. Einmal im Jahr machen sie eine große Reise, denn Katharinas Fernweh und ihr Wunsch, immer mehr von der Welt zu sehen, ist ungebrochen. Eines Abends kommen sie wieder darauf zu sprechen. “Könntest du dir vorstellen nochmal im Ausland zu leben?”, fragt sie Christoph. Schnell wird klar - beide können. 

Eine Woche später kommt das Angebot. Als Katharina die Frühlingsrollen in die Sauce dippt und Christoph sie fragt, ob sie sich vorstellen könne mit ihm nach Chicago zu gehen, ist sie froh über das Gespräch von vor einer Woche. Sie sind sich einig, sie sind zusammen, sie sind bereit für ein neues Abenteuer. Es ist Herbst 2016. In ein paar Monaten soll es los gehen.

 

Die Zeit bis zu ihrem Abflug ist ein emotionales Auf und Ab. Katharina weiß nichts über Chicago, aber sie ist froh, dass sie in einer Großstadt leben werden. Beide sind sich sicher, dass Katharina mit ihrer internationalen Ausbildung und ihrer Berufserfahrung im digitalen Marketing und E-Commerce dort schnell einen Job finden wird. Trotzdem will sie nichts dem Zufall überlassen und vorbereitet sein. Am nächsten Tag schon beginnt sie das Netz zu durchforsten und entdeckt ein Start Up, welches durch das Unternehmen gefördert wird, in dem sie arbeitet. Schon bald sind Skype Interviews nach Chicago arrangiert, gemeinsam mit dem CEO des Start Ups plant sie ihre Zukunft im Unternehmen - Katharina ist aufgeregt und glücklich. Eines Nachmittags sind Christoph und Katharina auf dem Rückweg eines Ausflugs. Als die Landschaft durch das Autofenster an ihr vorbeifliegt, fällt es ihr plötzlich siedend heiß ein. Alles scheint geklärt, außer ihrem Arbeitsvisum. “Bekomme ich mein Visum eigentlich über deine Firma oder müssen wir heiraten?”, fragt sie Christoph. Er sitzt am Steuer und schweigt. Sie sind seit zehn Jahren zusammen, eine Hochzeit war bisher noch kein großes Thema. Katharina fühlt sich unwohl, eine unromantischere Konversation kann sie sich kaum vorstellen. Aber die Dinge müssen nun mal geklärt werden. Jetzt ist es raus. Christoph versucht vom Thema abzulenken. Die weitere Fahrt verläuft schweigend. Einen Monat später macht er ihr einen Heiratsantrag. “Die Hochzeit war für ihn ein Tool, um für mich die besten Voraussetzungen für dort zu schaffen. Die Rechtslage in den USA ist (wie in den meisten Ländern) konservativ und erlaubt nur verheirateten Paaren für den begleitenden Partner eine Aufenthaltsbewilligung zu erhalten. Je nach Visum können die Partner dann auch eine Arbeitserlaubnis erhalten oder nicht. Ich hatte Glück und konnte mit meinem Visum später eine Arbeitserlaubnis beantragen. ” Fünf Wochen später ist es soweit. Die Hochzeit soll standesamtlich im engen Familienkreis stattfinden, Katharina hatte alles eher bürokratisch gesehen, doch ihre Mutter überredet sie, sich ein weißes, schlichtes Kleid und einen Blumenstrauss zu kaufen. In der Nacht vorher machen Katharina und Christoph vor Aufregung keine Auge zu. Sie heiraten im Februar 2017. Es ist ein emotionaler und schöner Tag und Katharina und Christoph merken, dass es viel mehr ist, als nur eine Unterschrift. Sie gehen ihren Weg von jetzt an nur noch gemeinsam - so haben sie es entschieden. 

Fünf Wochen später, die Wohnung ist untervermietet, Katharinas Job in München gekündigt, steigen sie ins Flugzeug nach Chicago. 

 

Chicago

 

Die Anfangszeit in Chicago vergeht schnell und zieht sich gleichzeitig wie Kaugummi. Alles ist neu, das Land, die Leute, der Alltag. Katharina verbringt die Tage mit dem Entdecken der Stadt, sie erledigt allerlei bürokratische Dinge, sie baut Ikea Möbel auf. Die Ankunft ihres Arbeitsvisums kann bis zu drei Monaten dauern. Sie weiß, danach ist alles möglich, aber jetzt muss sie geduldig sein. Trotzdem fühlt sie sich in den ersten Wochen wie im Limbo. Christoph hat es da schon leichter. Sein Job ist relativ ähnlich zu dem im Deutschland, seine Kollegen sind nett, sogar sein Chef ist mit nach Chicago gekommen. In der Früh geht er in die Arbeit, er verbringt den Tag mit dem, was er gerne macht, am Abend kommt er erschöpft nach Hause. Soviel ändert sich erstmal nicht. Katharina besucht ihn im Büro und lernt seine Kollegen kennen. Es hilft ihr zu sehen, wo er soviel Zeit verbringt, während sie oft alleine in der noch leeren Wohnung ist. Der Container mit ihren Sachen aus Deutschland wird erst in einigen Wochen erwartet. Mit dem CEO des Start Ups ist Katharina in Kontakt, der neue Job scheint schon auf sie zu warten, doch die Ankunft des Arbeitsvisums kann noch Wochen dauern. Da beschließt sie die Koffer zu packen. Reisen hilft ihr immer und was soll sie den ganzen Tag alleine herumsitzen, wenn sie während dessen die Welt sehen kann? Sie packt ihren Rucksack und reist nach Mexico, dann weiter nach Kuba. Dann nach Ecuador und von dort geht es weiter auf die Galapagos Inseln. Katharina ist fasziniert und begeistert von den unendlich vielen Eindrücken. Nach einem kurzen Zwischenstopp in Chicago - der Container ist da - fliegt sie noch einige Wochen nach Thailand. Die Arbeitserlaubnis ist noch immer nicht da, die Übergabe der Regierungsgeschäfte von Obama an Trump lassen die Behörden noch langsamer arbeiten. In der Zwischenzeit hat die Erfolgsgeschichte des Start Ups, für das Katharina arbeiten soll, einen entscheidenen Knick erfahren und das Unternehmen muss sich verkleinern. Viele Mitarbeiter werden entlassen. Als Katharina in Bangkok am Flughafen auf ihren Rückflug in die USA wartet, erhält sie den Anruf - an Neueinstellungen ist momentan nicht zu denken.. Das war es dann mit Katharinas Job in Chicago. Der CEO verspricht ihr, sie mit anderen Kontakten in Verbindung zu bringen. Doch daraus wird nie etwas werden. 

 

Katharina fühlt sich, als wäre ihr der Boden unter den Füßen weggezogen worden. Der ganze Plan geht nicht auf. Sie war doch mit dem Wissen gereist, dass der Job ihr so gut wie sicher ist. Sie wusste Interna, ständig waren sie im Kontakt. 

Nun ist alles anders. Sie beginnt sich bei amerikanischen Unternehmen zu bewerben. Es kommt eine Absage nach der anderen. Sie versucht es nicht persönlich zu nehmen. Sie weiß, sie muss geduldig sein, aber es ist frustrierend, wenn sie nicht mal eine Antwort bekommt. Katharina hat internationale Berufserfahrung, sie arbeitet im Marketing, ihr Englisch ist perfekt - doch es hilft nichts. Sie hat keine Erfahrung mit dem amerikanischen Arbeitsmarkt, sie fühlt sich alleingelassen. Manchmal wird sie zu einem Gespräch eingeladen, oft sind es Stellen für die sie in Deutschland längst überqualifiziert wäre und mit schlechter Bezahlung. Es ist eine Herausforderung für Katharina anspruchsvoll zu bleiben und auch etwas auszuschlagen. Doch sie will ihre Zeit in den USA bewusst nutzen und nicht irgendeinen Job machen. In dieser Zeit gründet sie ihren Blog sharethelove.

 

Sharing the love

Sie berichtet als Kate über ihre Erfahrungen, über die Schwierigkeiten, die mit dem Expat Dasein und der Jobsuche verbunden sind. Die finanzielle Abhängigkeit macht ihr zu schaffen. Was für Karriereschritte werden ihr entgehen, die sie in Deutschland längst gemacht hätte? Wie soll sie ihre Rentenzahlungen organisieren, wo sie doch gerade nichts verdient? All das sind Themen, die sie beschäftigen - unsexy, aber wichtig. Christoph sieht wie seine Frau unter der Situation leidet. Er ist da, wenn sie an sich zweifelt. Er merkt, wie sie sich selten etwas Gutes tut, sich etwas leistet, obwohl sie es könnte. Ihre Beziehung hat sich verändert, sie ist fester, sie sprechen offen über Ängste und Zweifel, Christoph ist bereit seine Stelle in Chicago aufzugeben, wenn Kate nach Hause möchte. Doch sie ist niemand, der so leicht auf gibt. Sie will die Zeit nicht einfach vorbeiziehen lassen, sucht ein kreatives Ventil. Sie besucht einen Photoshop und Indesign Kurs und will das Gelernte gleich anwenden. Ihr Blog nimmt jetzt Form an, sie schreibt über das Leben als Expat.  Noch zweifelt sie, ob sie wirklich schonungslos ehrlich sein soll, all die verletzlichen Seiten ihrer Situation offenlegen und mit der Welt da draußen teilen soll. Was werden ihre ehemaligen Kollegen und Chefs denken, was ihre Freunde daheim in Deutschland?

Doch der Wunsch sich anderen Frauen mitzuteilen ist stärker. “Expatwife oder Trailing Spouse, das sind schlimme Begriffe auf die die Frauen an der Seite von Expat Männern oft reduziert werden. Ich wollte andere unterstützen. Ich wollte ihnen zeigen - Du bist nicht allein!”

Plötzlich bekommt Kate die ersten Reaktionen, vor allem von Frauen aus der ganzen Welt. Sie bedanken sich, wollen sich austauschen. Kate besucht Karrieremessen, Events über Networking und Karriere im Ausland und teilt das Gelernte auf ihrem Blog. Bei einem Event hört sie den Vortrag eines Coaches. Diese fragt eine simple Frage, die Kate nicht mehr aus dem Kopf geht: Warum ist deine Corporate Karriere das einzig Richtige und Mögliche?

Kate ist perplex. Die Frage ist so einfach und doch hat sie keine Antwort darauf. Solange hat sie versucht in der Business Welt von Chicago Fuß zu fassen. Jetzt will sie alles einmal ganz neu denken. Bisher hatte sie keine Strategie hinter ihrem Blog, doch was, wenn sie daraus einen Beruf machen könnte? Was, wenn sie anderen nicht nur mit ihren Beiträgen helfen könnte, sondern selbst als Coach arbeiten würde? Noch ist ihr Coaching fremd, die analytische Kate hat sich bisher wenig mit spirituellen Themen beschäftigt, aber es lässt sie nicht mehr los. Schließlich steht der Entschluss fest. Sie beginnt eine Ausbildung als Coach. Die Kurse kann sie online besuchen, die Schule ist in Australien, die Studenten kommen aus der ganzen Welt. Kate ist wichtig, dass sie richtig ausgebildet wird, denn sie weiß, dass sie als Coach eine große Verantwortung trägt. “Fake it ‘till you make it” kommt für sie nicht in Frage. Ein Jahr nach der Ankunft in Chicago und ein halbes Jahr nach dem Start ihres Blogs, hat Kate einen neuen Weg eingeschlagen. Wiederum eine halbes Jahr später, im November 2018, hat sie die erste zahlende Kundin als Expat Coach. Vor der Sitzung ist sie so aufgeregt, dass sie kein Frühstück hinunter bringt. Die Frage, was sie wert ist und das sie mit dem, was sie tut auch Geld verdienen darf, ist für Kate noch neu und ungewohnt. Die Sitzung mit ihrer Kundin aus Südkorea über Skype läuft jedoch bestens. Ihren ersten Scheck rahmt sich Kate stolz ein und hängt ihn über den Schreibtisch. 

Kate investiert jetzt alle Zeit in ihren Blog und ihr Expat Coaching. Es ist viel Arbeit und sie muss sich überlegen, wie sie das Geschäft finanziell rentabel machen kann, ohne den Fokus aus den Augen zu verlieren. Christoph bewundert sie, er bestärkt sie, er stützt sie, wenn sie es braucht. In Chicago ist Kate jetzt Teil einer internationalen Community. Mit den Amerikanern Freundschaften zu schließen, ist noch immer etwas schwierig für sie. “Freundschaften mit anderen Expats werden unglaublich schnell sehr tief, vieles schwingt zwischen den Zeilen und wenn man es selbst erlebt hat, weiß man ganz genau von was der andere spricht. Auch bei meinen Freunden zu Hause merke ich, wer bereits im Ausland gelebt hat und wer nicht. Man wird sehr reflektiert durch diese Erfahrung und stellt sich viele Fragen, die sonst nicht aufkommen würden.” Als Expatcoach fühlt sich Kate gebraucht. Noch immer ist es etwas komisch, wenn sie anderen bei einer Erfahrung beistehen soll, die sie ja selbst gerade durchlebt. Doch genau aus diesem Grund, kann sie ihre Kundinnen auch wirklich verstehen. Es ist die Sichtweise auf die Dinge, auf die es am Ende des Tages ankommt. Mit dem Partner ins Ausland zu gehen, ist eine Belastungsprobe für die Beziehung, man muss viel sprechen und jeder sollte klar formulieren, was seine Vorstellungen von dem neuen Leben sind. Gleichzeitig lässt sich eigentlich nichts wirklich planen, denn oft kommt alles ganz anders als man denkt. Kate selbst hat gelernt loszulassen und nicht mehr zu sehr in die Zukunft zu planen. Zunächst war der Aufenthalt für zwei Jahre geplant, ein Jahr haben Kate und Christoph nun schon verlängert. Was danach kommt, wissen sie noch nicht. Es ist schwer vorstellbar, nach solchen Erfahrungen wieder in das bodenständige, normale Leben von vorher zurück zu kehren. Kate ist gespannt auf das, was kommt. Sie ist jetzt gelassener als vorher und übt in ihrer Ausbildung täglich, mit verschiedenen Perspektiven auf die Dinge zu blicken. Ihr Wunsch ist, möglichst viel zu erleben. Sie möchte jedoch keine Liste abhaken, sondern vom Leben lernen. “Ich hoffe, wenn ich alt bin, habe ich viele andere Kulturen kennengelernt, ich hoffe, ich habe viel gesehen, aber vor allem hoffe ich, dass ich viel verstanden habe.”

Kate möchte Vorbild sein, will andere Frauen dazu animieren, ihren Weg zu gehen. Eine starke Frau ist für sie jemand, der sich selbst treu ist, aber auch reflektiert genug ist, um sich selbst immer wieder zu wandeln. Kate bewundert Frauen, die glücklich sind, bei dem was sie tun - egal, was es ist. Das was ist nicht entscheidend, sondern das wie.

Bevor Kate nach Chicago ging, hat sie sich über Gleichberechtigung wenig Gedanken gemacht. Sie fühlte sich emanzipiert, unabhängig, gleichberechtigt - Diskussionen über die Ungleichheit der Geschlechter belächelte sie manchmal von oben herab. 

Ihre Auslandserfahrung hat das verändert. Sie hat Kate noch mehr für das Thema sensibilisiert.. Sie hat am eigenen Leib erfahren, wie große Unternehmen mit Mitarbeitern und vor allem deren Angehörigen umgehen, wenn sie diese ins Ausland versenden. Nur wer verheiratet ist, wird überhaupt ernst genommen, doch auch dann wartet man auf Unterstützung oft vergeblich. Kate erschreckt, wieviele Kollegen und andere Expats ein einseitiges, traditionelles Rollenbild von den Frauen haben, die an der Seite ihrer Männer im Ausland leben. “Die Expatzeit war für mich zunächst auch eine Reise in die Vergangenheit. Auf meinen Soloreisen wurde ich kritisch beäugt, weil ich nicht zuhause sitze und auf meinen Mann warte. Bei Vorstellungsgesprächen kamen immer wieder die Frage nach meinem Mann und dem Kinderwunsch.” Kate hat genug davon. Sie möchte, dass der Schritt ins Ausland für Paare eine Reise in die Zukunft wird - sie möchte, dass Frauen und Männer die Chance bekommen sich individuell und professionell weiter entwickeln zu dürfen. Sie wünscht sich, dass sich die Personalabteilungen der großen Firmen öffnen, flexibler werden, weiter denken und Expat Frauen nicht mehr diskriminieren. Sie wünscht sich, dass die Gesellschaft sich weiter entwickelt, weltoffener wird, größer denkt. Und sie wünscht sich, dass sie Frauen all das mit auf den Weg geben kann, was sie stärkt und selbstbewusst macht, um sie dabei zu unterstützen, ihren eigenen, individuellen Weg zu gehen.

 

Vor einigen Monaten noch zweifelte Kate, ob diese Zeit nun ein Bruch oder gar das Ende ihrer Karriere sein würde. Nun weiß sie - es ist gerade erst der Anfang.

*Mehr über Kates Arbeit und ihren Blog auf sharethelove.blog

© 2017 by Womenwholove.

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