Antonella

Antonella hat immer ein Lächeln auf dem Gesicht. Zu Beginn wirkt sie eher zurückhaltend, doch sobald sie erzählt ist sie voller Energie. Antonella kommt aus Córdoba, der zweitgrößten Stadt Argentiniens mit 1,3 Millionen Einwohnern. Córdoba ist eine ehemalige Kolonialstadt, wunderschön und mit vielen alten Universitäten. Auch Antonella studiert dort nach der Schule - Rechnungswesen. Sie ist intelligent, ihre Eltern beide Anwälte, sie hat ein Ziel vor Augen, möchte etwas erreichen und erfolgreich sein.

 

Sie ist 21 Jahre alt, als sie in einem der Universitätskurse Gérman kennenlernt. Er ist groß, dunkelblond wie sie, mit verschmitztem Lächeln. Sie werden Freunde, spielen regelmäßig Tischtennis zusammen, sind im selben Freundeskreis und alle zusammen treffen sich jeden Freitag zum Abendessen. So geht das ein Jahr. Dann lädt Gérman sie alleine ins Theater ein. Antonella ist nervös, sie hat gemerkt, wie sich ihre Gefühle in der letzten Zeit verändert haben, doch ein richtiges Date kommt ihr doch komisch vor. Sie bringt ihre beste Freundin mit. Gérman probiert es wieder, diesmal kommt sie alleine. Er gesteht ihr, dass er Gefühle für sie hat, sie werden ein Paar. In den kommenden Jahren schließen beide ihr Studium ab. Auch Gérman hat Rechnungswesen studiert, er wird Wirtschaftsprüfer und ist beruflich viel unterwegs. Antonella beginnt in der Personalabteilung verschiedener Unternehmen zu arbeiten, sie zieht in ihre erste eigene Wohnung, in der ihre Freunde und Kollegen ein und ausgehen. Sie ist ein geselliger Mensch, in Argentinien ist man immer zusammen, man trinkt Mate und schnell kann aus einer Mateverabredung eine Party bis in die frühen Morgenstunden werden. In den neun Jahren nach ihrem Kennenlernen bleiben die beiden fast immer ein Paar. Einige kurze Trennungen überlebt ihre Liebe. In den Zeiten, in denen soviele ihrer Freunde schnell beziehungsmüde werden, sind die beiden etwas Besonderes. 2015, da sind die beiden schon durch viele Höhen und Tiefen in ihrer neunjährigen Beziehung gegangen, wird Gérman in die USA versetzt - nach Miami. Für beide ist es keine Überraschung, sein beruflicher Wechsel hat sich über Monate angekündigt, es ist eine große Herausforderung für ihn und er will sie wahrnehmen. Gérman fragt Antonella, ob sie mitkommt, doch sie entscheidet sich dagegen. Gerade arbeitet sie in der Personalabteilung von Coca Cola Argentinien, sie ist glücklich dort und erfolgreich, sie ist mitten in einem Master in Arbeitsrecht und hat jedes Wochenende Unikurse. Sie will ihr Leben nicht ändern, nicht alles für ihn aufgeben, sie weiß, dass sie diese Entscheidung später bereuen würde und so entscheiden sie, dass Gérman fürs Erste alleine geht. 

 

Der Abschied ist schwer. Antonella bringt Gérman zum Flughafen, sie weint. Es ist nicht nur, dass sie Gèrman einige Wochen nicht sehen wird, sondern es ist auch die Ungewissheit, was passieren wird. Natürlich wollen sie zusammen bleiben, doch wird ihre Beziehung das überstehen? Wie geht es weiter? „I was blocked and couldn’t think about the future in this moment. I didn’t want to cut my life, but of course I asked myself - will this work?“. Es ist Anfang Januar 2015 als Gérman geht, sie werden sich erst im März wiedersehen. Doch es ist Sommer in Argentinien, Antonella arbeitet, studiert und trifft sich mit Freunden, die Zeit verfliegt. Im März kommt Gérman für einen Monat nach Argentinien - er hat ein Projekt dort und es fühlt sich an, als wäre er nie weg gewesen. Im April nimmt sieht Urlaub und besucht Gérman zwei Wochen in Miami, dann fliegt sie für eine Woche nach New York, er wird am Wochenende nachkommen. Antonella ist beeindruckt von New York und in den zwei Wochen in Miami beobachtet sie das Leben dort. Alles scheint zu funktionieren, kein Chaos wie in Argentinien. Sie lacht, als sie das erzählt. „I would be disenchanted later.“ Als Gérman nach New York kommt ist er komisch. Sie besuchen die Platform auf dem Rockerfeller Center, es ist kalt und windig in New York. Danach hat er einen Tisch in einem Restaurant reserviert - ganz untypisch für ihn. Der Kellner ist so unfreundlich, dass sie schnell wieder gehen. Am nächsten Tag, es ist ihr letzter, laufen sie durch New York. Als sie im Central Park ankommen, legen sie sich erschöpft auf eine Wiese, die Sonne scheint. Gèrman holt eine kleine Schatulle mit einem Verlobungsring heraus. Antonella weint und nimmt den Heiratsantrag an - wenige Stunden später verlassen sie New York. Antonella in Richtung Argentinien, Gérman nach Miami. 

Antonella beginnt in Argentinien die Hochzeit zu organisieren, sie sucht einen Festsaal und eine Kirche. Sie werden am 28. November heiraten. Im Juli kommt Gérman nach Cordobá. In Argentinien ist es Pflicht einen Heiratskurs zu absolvieren. Er hat alles organisiert. Alte, lang verheiratete Paare geben Tipps zu natürlicher Verhütung und dazu wie man eine Ehe frisch hält. Antonella lacht, als sie erzählt. „They could update it a little bit, but it was nice to know the stories of the other couples.“ Nach seiner Abreise sind es noch über drei Monate bis zur Hochzeit. Bis dahin werden sie sich nicht sehen. Doch im Oktober überrascht er sie und kommt für ein Wochenende nach Argentinien. Als er plötzlich vor ihr steht, ist sie sprachlos. Als sie das erzählt, laufen ihr die Tränen übers Gesicht: „It was one of the best moments. The whole year was so full of surprises. These were the things that showed the value of the other person.“

Einen Monat später findet die Hochzeit statt. Gérman kommt eine Woche vorher, die beiden machen den medizinischen Gesundheitstest, der ebenfalls obligatorisch in Argentinien ist. Sie sind gesund - die Ehe kann kommen.

 

Die Hochzeit

 

Der Tag der Hochzeit vergeht wie im Flug. Es ist ein schönes und emotionales Fest. Die Kirche im Herzen Cordobás, der Festsaal draußen vor der Stadt. Die zivile Trauung findet draußen statt, die Gäste sitzen auf Stühlen im Gras, im Hintergrund ragen die Berge empor. Antonella ist glücklich - das Fest ist wundervoll und auch ihre geschiedenen Eltern geben sich Mühe und unterstützen sie beide. Das bedeutet ihr viel. Die Party geht bis zum nächsten Morgen. Es wird getanzt, gefeiert und um sieben Uhr morgens fallen die beiden endlich ins Bett.

 

Miami

 

Im Dezember treffen die beiden die letzten Vorbereitungen, Antonella hat bereits gekündigt und wird Mitte Januar ihre Firma verlassen. Sie fahren nach Buenos Aires in die amerikanische Botschaft für das Visum, Antonellas Bruder wird in ihr Apartment ziehen. Ende Januar fliegt Antonella mit zwei prall gefüllten Koffern nach Miami - die Zukunft ungewiss. Als Antonella Argentinien verlässt, ist sie sentimental, aber vor allem gespannt und glücklich. „I wasn’t thinking to much. I didn’t set expectations and I just lived in the moment. If I would do it again, I would act different. I would research about job opportunities and the city before and I would try to build a routine before I arrive.“

Die kommenden drei Monate ist sie nicht viel in Miami. Sie reist mit Gérman, der berufliche nach Europa, Nordamerika und Saudi Arabien muss. Sie lernt viele Städte kennen, erkundet die Orte während Gérman arbeitet. Immer mal wieder sind die beiden für eine Woche in Miami. Zuhause fühlt sie sich da noch nicht.

Nach drei Monaten merkt sie, dass ihr eine Routine fehlt. Das viele Reisen ist schön und interessant, aber auch dort ist sie viel alleine und es kann nicht ewig so weiter gehen. Sie will sich ein eigenes Leben aufbauen in Miami, ihre Karriere vorantreiben - Stillstand ist nichts für sie. „I had a good job and so many good friends in Cordóba. It is hard when you arrive to a place and you have nothing. Gérman tried to support me, but after all these travels I felt empty somehow.“ Antonella trifft jetzt öfter die Ehefrauen von Gérmans Kollegen. Die sind wie er ein Jahr vorher nach Miami versetzt worden, die Ehefrauen sind ihren Männern gefolgt. Antonella findet sie nett, sie unterstützen sie in Alltagsfragen, aber so richtig ein eigenes Leben führen sie nicht. Viele haben Kinder, die wenigsten arbeiten. Antonella will mehr. Sie beginnt über Weiterbildungen zu recherchieren, denn sie weiß, die Dinge funktionieren anders in den USA und sie muss sich weiterbilden. Sie findet interessante Kurse an der University of Miami, aber alles auf Englisch ist eine Herausforderung. Sie beschließt zunächst die Sprache zu verbessern und meldet sich für einen Englischkurs an. „It wasn’t a common group there. All this crazy girls who had the same situation. I didn’t feel so alone anymore“, lacht sie. Ende Mai beginnt sie den Kurs. Im Juni hat ihr Vater einen Herzinfarkt und sie fliegt sofort nach Argentinien. Er übersteht es und wird wieder gesund. 

Dann kehrt sie zurück, nach Miami, in die Sprachschule. Es tut ihr gut, der Kurs verschafft ihrem Tag eine Routine, sie recherchiert wieder über Kurse, beginnt ihren Lebenslauf vorzubereiten und verlässt nach drei Monaten die Sprachschule.

Antonella beginnt einen Kurs zu HR Management an der Universität. Sie geht nun zweimal die Woche dorthin, den Rest der Zeit beginnt sie sich zu bewerben. Die ersten Bewerbungsgespräche sind herausfordernd und total anders als in Argentinien. Nie wird über Persönliches gesprochen, um jegliche Diskriminierung zu verhindern - Antonella kommt das komisch vor. Immer wieder bekommt sie Absagen, muss mit den Enttäuschungen umgehen. Eigentlich wollte sie eine Stelle im selben Bereich finden und auf ihrem Niveau, doch es ist nicht so einfach. Es ist frustrierend für Antonella. Gérman versucht sie zu verstehen, aber so richtig scheint es ihm nicht zu gelingen. Wie auch - er hat zwar das Land, aber nicht seine Firma gewechselt, es war alles vorbereitet, er musste nicht von vorne beginnen. „That’s what they don’t understand. In contrast to them, you start at zero. You try, you put all your energy and you try to have a good mood, but it’s a fight. A fight with yourself. He came here with everything, that’s why he couldn’t understand. It’s an internal conflict, you struggle with yourself and you always ask yourself why it is so difficult. When I look back now I think, it wasn’t so bad, I found a job in two month, but when you are in this situation it feels endless and they cannot understand because they don’t go through this experience.“ 

 

Antonella und Gérman streiten jetzt viel. Sie fühlt sich alleine, wertlos, als ob sie alles verloren hätte, was sie ausgemacht hat. Sie fühlt sich unverstanden von ihrem Mann. Nach so vielen Jahren des Zusammenseins, macht diese Veränderung auch etwas mit den Beiden. Wir waren uns doch mal so ähnlich, denkt sie. Doch sie fühlt, wie sie diese Auslandserfahrung ganz unterschiedlich wahrnehmen. Es erschreckt sie. Antonella weint jetzt viel, plötzlich ist sie viel emotionaler als in Argentinien. „Maybe men are simple, they think simple, they don’t get involved too much with emotions“, mutmaßt sie. Für Antonella ist alles neu, sie muss sich zurechtfinden in einem neuen Land. Sie bewirbt sich weiter, geht Fahrradfahren, macht Yoga, beginnt Freundschaften zu schließen. Doch wenn es ihr schlecht geht, wenn sie Heimweh hat und sich beklagt, dann wird es schwierig zwischen den beiden. 

Dann findet sie eine Stelle in einem Telefonunternehmen. Auch dort ist der Anfang schwierig. Es ist nicht die Sprache (alles ist auf spanisch), doch es ist die Art der Kollegen. Niemand scheint sich sonderlich für den anderen zu interessieren, nette Gespräche zwischendurch sind rar. Sie fühlt sich unterfordert, aber sie muss Geduld haben. „For Gérman, coming here was a big growth in his career, but he was not concious how hard it would be for me. Me neither.“ 

Antonella arbeitet und am Abend geht sie in den Universitätskurs. Hier lernt sie und wird herausgefordert. Das gefällt ihr. Doch oft vergleicht sie das Leben hier mit Argentinien. Vieles über was sie sich in Argentinien beschwert hat, sieht sie jetzt in einem anderen Licht. Hier ist das Leben anstrengend. Jeder will ein Geschäft machen. Beim Arzt ist Antonella in Hab-Acht Stellung. Die Arztrechnungen sind hoch - auch bei Routineuntersuchungen.

„The balance is positive, but there are a lot of ups and downs. I used to be a very happy person, but here I’m different. Your out of your comfort zone. I need more time by myself now. But I learned a lot from the downs.“

Mit der Zeit gewöhnt sich Antonella an ihre Arbeit, die Art der Kollegen. Sie lernt wie die Dinge in Miami funktionieren. Arztbesuche, Behördengänge, Steuererklärungen. Noch immer gibt es viele Diskussionen zwischen Gérman und ihr. „ He often feels, that it is his responsibility if I’m sad and it’s not! I decided to come. But sometimes he doesn`t understand how little things, like a kiss and hug, change things. He doesn’t need to solve everything. He just should be there for me. 

In the situation I have, you feel weaker, but you’re not. You’re stronger than you think. No matter where I go now, I will never be the same again.“

 

Antonella fühlt, wie sie sich verändert hat. Sie misst den Dingen nun anderen Wert bei. Sie arbeitet jetzt von acht bis sechs, nicht wie in Argentinien bis spät in die Nacht. Sie versucht ihr Leben ausgeglichener zu leben, sie schätzt ihre Freunde, ihre Freizeit. Sie versucht das Leben zu genießen, ihr Leben hier und ihre Ehe mit Gérman. Ist es Schicksal, dass sie sich seit der Grundschule gewünscht hat ins Ausland zu gehen? Damals als sie zwölf war und einen Austausch nach Irland geplant hatte und in letzter Minute krank wurde. Oder dann, als sie im Gymnasium nach Möglichkeiten recherchierte und es immer wieder verschob. Und schließlich, als sie in der Universität für eine Austauschorganisation arbeitete und durch die ganze Arbeit vergaß, dass sie eigentlich selbst gerne gegangen wäre. Nun macht sie das, was sie immer wollte - und irgendwie ist es doch ganz anders, als sie sich vorgestellt hat. Keine Universität hat sie hierher gebracht, kein  Praktikum, sondern die Arbeit ihres Mannes. Der Start war anders, schwieriger, aber sie lernt - jeden Tag. 

„ I don’t want to regret the decisions I made in life. I want to be happy, I want to travel and have a family and I want to get old with the person I love. I want to know that I did a good job with everything. Sometimes I think I should think less and not be so structured. I should live and enjoy.“

 

Zum Ende des Gesprächs kommt sie auf starke Frauen zu sprechen. Natürlich gibt es unterschiedliche Möglichkeiten stark zu sein, sagt Antonella. Es gibt die Frauen, die in ihrem Land leben, tun was Ihnen Spaß macht, sich etwas eigenes aufbauen, ihre Karriere verfolgen und täglich für das was sie wollen kämpfen und mit den Herausforderungen des Lebens umzugehen. „But in my experience, a strong woman can also follow a man sometimes, because you have to be strong and very brave to do so. You are also strong if you accept to go a step back. If you smile even when you are crying. You are strong when you keep moving. You a strong if you have the courage to start new, from the beginning. You are able to think globally, you come out of your comfort zone, you try to be ok. You are strong and maybe the others don’t see it, but you feel it. It’s up to you to build your personality and to think - why not? I can do it! Of course you need support.  And maybe you complain and sometimes you feel weak, but you do it and that makes you strong.“

 

 

Antonella lebt und arbeitet noch immer in Miami in einem großen Unternehmen. Gérman macht gerade für sechs Monate einen MBA in Boston. Die beiden pendeln abwechselnd jedes Wochenende zwischen Miami und Boston. 

 

 

 

 

 

 

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