Lola

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Lola steckt im Verkehr von Jakarta fest. Die größte Stadt Indonesiens hat 25 Millionen Einwohner und es ist drei Uhr Nachmittags. Sie war noch mit ihrem Mann und Freunden zum Mittagessen verabredet. Jetzt sind alle Straßen verstopft - da ist nichts zu machen. Nachdem Lola denn Taxifahrer auf Indonesisch durch die Straßen lotst und endlich zu Hause ankommt, erzählt sie bei einer Tasse Tee von ihrem Leben in Indonesien. Ihre Tochter Mila und ihr Sohn Noam kommen ab und zu vorbei und winken in die Kamera, fragen ihre Mutter auf Englisch was es zu essen gibt und Lola antwortet ihnen auf Deutsch, dass erst noch gebadet wird. Auf Indonesisch spricht sie mit dem Kindermädchen und bittet sie, die Kinder vor dem Essen noch zu baden. Dann beginnt sie ihre Geschichte zu erzählen. 

Anfänge

 

Lola ist Ende der 80er Jahre in Pforzheim geboren. Die kleine Stadt liegt am Rande des Schwarzwalds im Süden von Deutschland. Ihre Mutter, in Pforzheim geboren und aufgewachsen, trifft schon früh Lolas Vater. Der ist Sizilianer und mit 14 Jahren nach Deutschland als Gastarbeiter gekommen. Die beiden sind jung, könnten unterschiedlicher nichts sein und verlieben sich. Sie werden ein Paar. Mit 17 Jahren ist Lolas Mutter das erste Mal schwanger und Lolas großer Bruder kommt neun Monate später zur Welt. Acht Jahre darauf folgt ihre große Schwester. Wieder zwei Jahre später kommt Lola als Jüngste auf die Welt kommen. 

Lola wächst in einem Haus mit zwei Kulturen auf. Ihr Vater ist laut, herzlich und liebt es, viele Freunde nach Hause einzuladen. Lolas Mutter, ganz deutsch, ist liebevoll doch eher zurückhaltend und hat gerne ihre Ruhe. Ihr Vater versucht mit seinen Kindern italienisch zu sprechen, aber sie rebellieren und so wird Lola nicht voll zweisprachig aufwachsen. Trotzdem liegen ihr Sprachen, das Lernen fällt ihr leicht und nachdem sie in der Schule Englisch und Spanisch ohne Probleme lernt, möchte sie weitere Sprachen lernen. Auch ihre Schulfreunde kommen aus unterschiedlichen Ländern wie der Türkei, dem Kosovo oder Italien. Viele Sprachen und Kulturen sind für sie Teil ihres Alltags. 

Das Abitur fällt Lola leicht, sie ist gut in vielem, aber gerade deshalb ist sie sich unsicher, wie ihre Zukunft aussehen soll. Schon im Wirtschaftsgymnasium hat sie erfolgreiche Unternehmer bewundert, sie träumt davon eine große Karriere als Businessfrau zu machen, Erfolg zu haben und viel Geld zu verdienen. Ihr Vater ist Maler, ihre Mutter ist Altenpflegerin und haben beide keinen Schulabschluss. Lola ist die zweite ihrer Familie mit Abitur.Sie will hoch hinaus. 

 

Nach der Schule jobbt sie in einer Strandbar und Clubs. Nebenbei recherchiert sie über Studiengänge und liest wirtschaftliche Magazine. Es ist das Jahr 2005 und die Zeitungen sind voll von Artikeln über China, der neuen Wirtschaftsmacht. Lola versucht es mit einem Chinesisch Kurs auf CD Rom und entscheidet - Chinesisch lernen ist zu kompliziert. Aber Asien geht ihr nicht aus dem Kopf. Einer ihrer Barkollegen schwärmt von seinem Auslandssemester auf Bali und erzählt, wie leicht es sei Indonesisch zu lernen. Einige Wochen später geht Lola als Au-Pair nach London. In der Zeit dort, lernt sie zufällig eine Indonesierin kennen und freundet sich mit ihr an. Nachdem sie vier Monate später nach Deutschland zurückkehrt, ist es entschieden: sie will Wirtschaft mit Sprachen studieren. Sie bewirbt sich an verschiedenen Universitäten. 2006 zieht sie an den Bodensee und beginnt ihr Studium: Wirtschaftssprachen Asien und Management mit Indonesisch.

 

Reisen in ferne Welten

 

In ihrem Studium wählt Lola Indonesisch, obwohl sie Indonesien bis jetzt nur aus Bildbänden kennt. Viele der älteren Kommilitonen waren bereits in Auslandssemestern dort und berichten begeistert von ihren Erfahrungen. Doch Lola will es selbst wissen. Nach zwei Semestern nimmt sie ein Urlaubssemester und fliegt nach Jakarta. Die Hauptstadt Indonesiens ist eine Millionenmetropole, der Verkehr ist immens, die Luftverschmutzung hoch, doch irgendwie fühlt sich Lola gleich zu Hause. Sie reist durch das Land, sie macht einen Sprachkurs und für einige Wochen ein Praktikum. Als sie ein Freund sechs Monate später zurück an den Flughafen fährt, weint sie bitterlich. Als sie zurück in Deutschland ist, geht es ihr schlecht. Sie fühlt sich unwohl und ihre Studienstadt engt sie ein. Erst als sie in der Universität einen Kurs über interkulturelle Kommunikation besucht, wird ihr bewusst, dass die Reintegration ins eigene Land oft schwieriger sein kann als die Integration in ein fremdes Land. Zwei Semester muss sie in Deutschland bleiben, dann ist es endlich soweit und sie kann ihr obligatorisches Auslandsjahr machen. Der ganze Universitätskurs reist als Gruppe und entscheidet sich für Malaysia. Lola studiert auf der Insel Penang, der zweitgrößten Stadt Malaysias und wohnt mit zwei Kommilitoninnen in einem Studentenapartment. An ihrem 23. Geburtstag beschließen die Studentinnen, eine weitere Freundin in Jakarta zu besuchen, die dort ein Auslandssemester macht. Lola freut sich auf die Stadt, die sie schon vor einem Jahr so ins Herz geschlossen hat. Alle wollen feiern, Lolas Freundin bekommt einen Geheimtip von einer VIP Party, in die man umsonst durch einen Hintereingang gelangen kann und plötzlich sind die vier Studentinnen in einem Club in Jakarta und tanzen und feiern. Lola wird von einem brasilianischen Model angesprochen. Er versucht sie zu beeindrucken, sie ist genervt. Ihre Freundin spricht portugiesisch und Lola ist froh, als die beiden ins Gespräch kommen. Da tauchen plötzlich die Freunde des Brasilianers auf und Lola lernt Daniel kennen. Lola ist groß, blond, wunderschön mit großen, grünen Augen. Das sie in Indonesien auffällt, daran ist sie gewöhnt. Doch Daniel ist ihr gleich sympathisch. Er ist ebenfalls groß, hat ein markantes Gesicht, ist Indonesier mit chinesischen Wurzeln und ein bekannter Entertainer in der Medienwelt Indonesiens. Lola hat noch natürlich noch nie von ihm gehört. Sie unterhalten sich, scherzen, tauschen Nummern aus - doch am nächsten Morgen reist Lola bereits zurück nach Malaysia und nach einigen, kurzen Nachrichten über Facebook, bleibt der Abend einfach eine lustige Erinnerung. 

 

Nach einem halben Jahr in Malaysia geht es für Lola nochmal nach Jakarta. Sie wird dort ein halbjähriges Praktikum bei einer Schweizer Stiftung für Entwicklungszusammenarbeit machen. Doch ihre Freundin von der Party ist bereits zurück nach Deutschland gekehrt und auch viele andere Bekannte, die Lola bei ihren früheren Aufenthalten kennen gelernt hat, sind nicht mehr in der Stadt. Lola überlegt, wenn sie kennen könnte - da fällt ihr Daniel von der Party ein. Zuletzt hatte sie ihn bei Facebook unterdrückt, weil er ihr zu viele seltsame Sachen auf Indonesisch postet, die sie nicht verstand. Doch sie erinnert sich, dass sie in nett fand und sie verabreden sich zum Mittagessen. Aus einem Mittagessen, werden unzählige. Irgendwann wird aus dem Mittagessen ein Abendessen und ihr erstes, richtiges Date. Daniel führt Lola in ein deutsches Restaurant. Die muss schmunzeln, denn das ist das Letzte, was sie vermisst hat - deutsches Essen. 

Die beiden verlieben sich und Lola trennt sich von einer Fernbeziehung in Deutschland. Lola ist 23, aber mit Daniel kann sie sich irgendwie alles vorstellen. Heiraten, Kinder kriegen - das volle Programm. Daniel ist ein Familienmensch, früh stellt er Lola seinen Eltern vor und bezieht sie in sein ganzes Leben ein. Lola ist glücklich mit ihm, die verbleibenden drei Monate verbringen die beiden ständig zusammen. Dass Daniel prominent ist, fällt ihr erst nach und nach richtig auf. In Jakarta sind die Leute gewohnt, bekannten Gesichtern über den Weg zu laufen, doch sobald die beiden aus Jakarta heraus kommen, werden die Fans aufdringlicher.

Als sich Lolas Zeit in Jakarta dem Ende neigt, haben die beiden ihre Zukunft schon geplant. Lola wird ihr letztes Semester in Deutschland abschließen und dann zu Daniel nach Jakarta ziehen und dort in einem Unternehmen ihre Bachelorarbeit schreiben. Der Abschied ist schwer, doch die Aussicht auf die Zukunft stimmt Lola froh. 

 

Neuanfänge

 

Einige Zeit nachdem Lola zurück in ihrer Studienstadt ist, kommt Daniel sie besuchen. Doch danach wird er komisch. Als sie eines Tages telefonieren, macht er plötzlich Schluss und trennt sich von ihr. Lola versteht die Welt nicht mehr. Sie kann nicht glauben, dass er nach dieser wunderschönen Zeit zusammen wirklich kalte Füße bekommen hat. Die kommenden Wochen sind schrecklich. Lola schleppt sich in die Universität, um ihre letzten Prüfungen zu schreiben und weint viel. Sie fühlt sich allein gelassen - all ihre Pläne für die Zukunft gemeinsam mit Daniel in Jakarta sind vorbei. 

Doch ihr Flug zurück nach Indonesien ist bereits gebucht, ebenso eine gemeinsame Reise nach Australien zu einem Freund. 

 

Lola will nicht zulassen, dass diese Trennung all ihre Pläne zunichte macht. Dann eben ohne ihn. Lola ändert ihr Flugticket von Indonesien zu Malaysia und sucht sich ein Unternehmen, bei dem sie ihre Bachelorarbeit schreiben kann. Sie kommt bei der Mutter eines Freundes unter, die sich über Gesellschaft freut. Daniel hat sie seit der Trennung nicht gesehen. Sie weiß, dass er eine neue Freundin hat. Ob er ebenfalls seinen gebuchten Flug nach Australien wahrnehmen wird, weiß sie nicht.

Kurz vorher wird klar: Beide, Lola und Daniel, werden die Reise antreten. Der gemeinsame Freund Cristiano lebt in Melbourne, er hat nur ein Gästezimmer und will Lola und Daniel wieder zusammenbringen. Das Wiedersehen nach vielen Monaten verwirrt beide. Er sucht ihre Nähe, Lola ist verletzt. So richtig verstehen kann Lola Daniel nicht. Nachdem sie zurück in Kuala Lumpur ist, schreibt sie ihm eine E-mail. Er hat eine Woche Zeit darüber nachzudenken, was er eigentlich möchte. Zwei Tage später bereut sie die Nachricht und schreibt erneut: sie will gar nicht auf eine Antwort von ihm warten, sondern ein Leben führen, ohne emotional an ihn gebunden sein. Was auch immer zwischen ihnen war - es ist nun endgültig vorbei. Lola will den Schmerz vergessen und sich auf ihre Zukunft konzentrieren. 

Zehn Minuten später klingelt das Telefon - es ist Daniel, er wolle sie nicht verlieren. Er nimmt den nächsten Flieger nach Kuala Lumpur und bittet Lola um Verzeihung. 

 

Es ist das Ende und der Anfang einer schwierigen Zeit. Tief drin glaubt Lola Daniel. Sie weiß, dass er sich sehr viel mehr Gedanken gemacht hat als sie über das Zusammenleben und die Zukunft. Sie weiß, dass er sich ganz sicher sein wollte, wenn er Lola in sein Leben lässt - weil es dann für immer sein sollte. Doch es ist schon soviel schief gelaufen. Lola ist tief verletzt von allem, was passiert ist.

Sie zieht zu ihm, doch das frische Paar streitet viel. Manchmal ist sie so wütend, dass sie in ihren Wutausbrüchen ganze Gläser zu Boden schmeißt. Lola hadert mit sich. Sie fragt sich, warum sie mit ihm zusammen ist, ihm vergibt, obwohl er sie so verletzt hat. Ihr Stolz ist verletzt, die Enttäuschung sitzt tief. Trotzdem hat sie irgendwie das Gefühl, dass er der Mann ist, mit dem sie zusammensein will und das er ein gutes Herz hat und sie beide eine Zukunft zusammen haben können. 

“Wenn ich jetzt, nach sieben Jahren Ehe, darauf zurückblicke, kann ich sagen, dass meine Intuition richtig war. Aber es war ein sehr langer Prozess und eine spirituelle Reise, von Menschen, die sehr oberflächlich waren und erst langsam zusammen in die Tiefe gefunden haben. Doch es war es wert.”

Die Wunden heilen langsam. Lola und Daniel wohnen nun zusammen in seinem Apartment, sie überlegt sich, wie sie ihre Bachelorarbeit schreiben soll, lernt noch mehr von Daniels Freunden kennen, manchmal begleitet sie ihn mit aufs Set. Jakarta hat sie immer geliebt, trotz seiner negativen Seiten, nun ist es ein Zuhause für sie geworden. Ein halbes Jahr nach ihrer Versöhnung, sind Lola und Daniel wieder mal auf einer i Hochzeit eingeladen, diesmal von Freunden aus Singapur An diesem Abend fängt Lola zum dritten Mal in Folge den Brautstrauss, Daniels Freunde lachen und tuscheln heimlich. Da betritt Daniel vor den 1000 Gästen die Hochzeitsbühne und hält um Lolas Hand an. Im August 2011 heiraten die beiden, ganz untypisch für Indonesien, im kleinen Kreis in Jakarta. Lolas Bruder aus Deutschland kommt zur Trauung. Die Eltern sind in Pforzheim geblieben - der Flug dauert zwanzig Stunden und ist der Mutter nicht ganz geheuer. Im Oktober gibt es ein großes Hochzeitsfest in Deutschland. 

 

Veränderungen

 

Kurz nach der Hochzeit wird Lola schwanger. Sie ist jetzt 25 Jahre alt, wohnt in Indonesien und führt ein Leben so weit von dem ihrer deutschen Freundinnen entfernt, wie nur irgendwie denkbar. Die Schwangerschaft verläuft gut, aber Lolas Körper verändert sich sehr und es macht ihr zu schaffen. Zum letztmöglichen Termin gibt sie noch ihre Bachelorarbeit ab. Als Mila dann in einem Krankenhaus in Jakarta auf die Welt kommt, ist Lola fasziniert und überrascht - die Kleine sieht ganz chinesisch aus, wie ihr Vater, aber scheint zunächst gar keine Ähnlichkeit mit ihr zu haben. Gleichzeitig fühlt sie eine Liebe zu diesem kleinen Geschöpf, die sie noch nie zuvor gefühlt hat. 

Die ersten Monate und Wochen sind hart. Daniel kümmert sich sehr um das Baby, aber Lola hat das Gefühl, nur noch für das Kind zu existieren. Vorher war sie unabhängig, spontan und reiste mal hier, mal dorthin. Nun ist alle Konzentration auf diesem kleinen Lebewesen, ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse zählen wenig. Nach drei Monaten fliegt sie das erste Mal mit Mila nach Deutschland, um ihre Tochter der Familie und den deutschen Freunden vorzustellen. 

 

In den kommenden zwei Jahren reisen Daniel und Lola mit Mila um die Welt. Daniel ist ein toller Vater und Ehemann, sie haben eine wunderbare Tochter, eine schöne Wohnung, Autos, Geld. Lola, die leidenschaftlich gerne backt und kocht, hat außerdem kurz nach Mila’s Geburt mit einer Freundin ein Café gegründet, was schnell bekannt wird, da es dort deutschen Kirschstreuselkuchen gibt. Lola hat hohe Ansprüche an sich selbst. Sie will eine gute Mutter und als Unternehmerin erfolgreich sein.  Ihr Verdienst ist im Vergleich zu dem von Daniel gering, aber sie klammert sich an ihr Unternehmen, um sich auf keinen Fall nur als Hausfrau und Mutter zu fühlen. Doch wenn sie arbeitet fühlt sie sich schlecht, weil sie die Zeit nicht mit Mila verbringt. Wenn sie bei ihrer Tochter ist, denkt sie, sie müsste eine bessere Mutter sein oder doch mehr Zeit in ihr Café investieren. So kann sie weder das eine noch das andere genießen.

Langsam fühlt sich Lola immer leerer. Irgendwie hat sie den Zugang zu ihren Gefühlen verloren. Sie fühlt sich komisch, ständig mit einem Kloß im Hals, kann keine Dankbarkeit empfinden. Oft fühlt sie sich als Beobachterin ihres eigenen Lebens. “Ich hab alles und bin doch so leer”, denkt sie dann und fühlt sich noch schlechter dabei. Sie versucht sich abzulenken, Bücher zu lesen, Yoga zu machen, zu sich selbst zu finden - doch nichts hilft. 

 

Daniel ist katholisch aufgewachsen und so gehen die beiden regelmäßig in die Sonntagsmesse. Daniel schlägt vor in eine englischsprachige Kirche zu wechseln, damit sich beide besser mit der Messe identifizieren können. Lola spricht inzwischen gut Indonesisch, aber den indonesischen Pastor zu verstehen fiel ihr immer schwer. Doch als Lola in der englischen Kirche ist und alle zu singen beginnen, fühlt sie wieder den Kloß im Hals. Sie muss raus, hat das Gefühl ihre Traurigkeit wird sie übermannen. So ist es nun jeden Sonntag und Lola bleibt stumm. 

Doch irgendwann überlegt sie: “Was ist denn schon dabei, wenn andere mich weinen sehen?” Sie kennt den Grund nicht für ihre Traurigkeit, aber sie kann nicht so weiter machen. Am nächsten Sonntag beginnt sie mit den anderen zu singen und die Tränen laufen ihr übers Gesicht. Monatelang singt sie sonntags in der Kirche und weint dabei. Langsam kommt ihr Gefühl zurück. Das Singen ist für Lola wie eine Therapie. Seit sie ihre Tochter hat, ist sie viel verletzlicher. Nachdem sie die Tränen zulässt, kommen die Gefühle langsam zurück: Dankbarkeit, Freude, Nachsicht, mit anderen aber vor allem sich selbst. 

“Mutter zu werden, war eine harte Aufgabe und spirituelle Reise für mich. Es war schwer, weil ich nicht wusste, wie man sich selbst so zurück stellt. Nach meiner Kindheit, in der ich auch einige schlechte Erfahrungen in der Kirche gemacht hatte, wollte ich von Kirche eigentlich nichts mehr wissen, aber das hat mir geholfen, mich wieder selbst zu spüren.” Dreieinhalb Jahre nach Mila’s Geburt kommt Noam auf die Welt und die Familie wächst. 

Lola ist eine junge Mutter, die meisten Freunde in Indonesien und erst recht die Freunde in Deutschland, haben noch keine Familien und führen ein anderes Leben. “Wenn man Kinder kriegt, stößt man auf viel Unverständnis, weil viele andere in einer ganz anderen Lebenssituation sind. Es ist bis heute manchmal schwer, mich nicht zu sehr unter Druck zu setzen und die Zeit einfach zu genießen.” Für Lola ist es ein Prozess zu lernen, mit den Ängsten etwas falsch zu machen umzugehen und sich selbst zu vertrauen. “Viele Frauen tendieren dazu, alles unter Kontrolle haben zu wollen, weil man sich dann natürlich auch sicherer fühlt. Doch sobald man Kinder hat, erleidet man einen Kontrollverlust und scheitert an den eigenen Idealvorstellungen. Dann ist da auch noch die gesellschaftliche Vorstellung, die einen zusätzlich unter Druck setzt.” 

Lola hat das Gefühl, ständig zu versagen. Erst langsam lernt sie, gnädig mit sich zu sein und ihre Erwartungen zu überdenken. Ihr wird klar, dass sie ihr Leben nicht auf Ängsten aufbauen will und kann. Auch wenn ihre Freundinnen zu Hause in Deutschland denken, sie sollte wirtschaftlich unabhängig sein. Sie beschließt, aus dem Café auszusteigen und sich Zeit für sich und ihre Kinder zu nehmen. “Ich muss mich selbst fragen, was am Ende meines Lebens wichtig für mich ist. Und mir ist völlig egal, ob jemand über mein Leben sagen kann, dass ich eine super Work-Life Balance hatte und das Leben zwischen Karriere und Kindern so super jongliert habe. Ich möchte, dass meine Kinder dankbar sein können für das, was ich ihnen mit auf den Weg geben konnte und dass mein Mann dankbar sein kann, an meiner Seite gewesen zu sein. Ich möchte einen positiven Einfluss auf andere Menschen haben und mich nicht für die Gesellschaft verbiegen müssen.”

 

Reflexionen

 

Lola hört mehr und mehr auf sich selbst und wann sie Ruhe oder Zeit für sich braucht. Sie lernt, ihre Gefühle und Gedanken in Worte zu fassen, sich schneller mitzuteilen und mit Daniel über ihre Ängste  und Gefühle zu sprechen. Sie gibt nun weniger auf die Meinungen von anderen, egal ob diese aus Deutschland oder Indonesien kommen. Sie möchte sich nicht dafür rechtfertigen müssen, Zeit mit ihren Kindern zu verbringen statt der großen Karriere nachzulaufen. Sie ist sich um ihre privilegierte Situation bewusst, aber sie will sich nicht dafür schämen müssen. Lola ist gewachsen in den letzten Jahren, ist stärker geworden und mehr denn je die Frau, die sie sein möchte. Noch immer kämpft sie manchmal mit den Herausforderungen des Mutterseins. Noch immer fühlt sie sich manchmal verurteilt von anderen. Aber jetzt geht sie anders damit um. “Für mich ist eine starke Frau jemand, die sich selbst erlaubt, das sein zu können, was sie wirklich ist. Eine, die an sich arbeitet und auch Schmerz zulässt, weil sie weiß, dass es einen weiterbringt und das viele Dinge ein Lernprozess sind. Ich bin selbst stärker dadurch geworden, dass ich mich meinen Schmerzen gestellt habe. Ich schiebe die Gefühle nicht mehr weg, sondern lasse sie zu. Auch negative - ich schaue sie mir genau an, anstatt sie zu begraben.” Lola weiß mittlerweile, dass stark sein nicht bedeutet, alles unter Kontrolle zu haben. Sie ist ehrlich mit sich selbst, holt sich Hilfe, wenn sie Hilfe braucht und gibt auch Verantwortung ab.

 

Daniel und Lola beschäftigen sich viel mit ihrer Beziehung, denn sie sind der festen Überzeugung, dass ihre Kinder nur dann glücklich aufwachsen können, wenn es ihnen als Paar gut geht. Sie lesen Bücher, diskutieren viel, machen Eheseminare. Beide haben schon viel miteinander erlebt. Sie haben gelernt sich zu verzeihen, ihr eigenes Ego zurückzustellen, für ihre Beziehung zu kämpfen. “Ich habe Daniel mit seiner Kultur genommen, mit seinen Problemen, seinen Verletzungen aus der Vergangenheit und er mich genau so. Es gibt keine Liebe ohne Schmerz, keine Ehe ohne Probleme. Wenn man ohne Schmerz leben will, verschließt man sich auch den guten guten Gefühlen. Man verschließt sich Liebe, Freude und Verbundenheit. Jede Beziehung, die man eingeht ist ein Risiko, da man sich verletzbar macht.”

Lola ist dankbar für ihr Leben in Indonesien und ihre Familie. Die kulturellen Unterschiede sind für sie eine große Bereicherung, auch wenn viele Dinge ganz anders laufen als in Deutschland. Doch Lolas Leben ist in Indonesien, dort fühlt sie sich wohl und entspannter als in ihrem Herkunftsland. “Wir haben zwei Kulturen in unsere Ehe mitgebracht. Nun haben wir uns unsere eigene Familienkultur geschaffen. Das ist sehr schön, denn wir haben uns einfach aus beiden Kulturen das Beste herausgenommen und in unser Leben integriert. Das Schöne daran ist: In einer Familie mit mehreren Kulturen gibt es nie nur eine Perspektive und dadurch hat man die Möglichkeit, anders Entscheidungen zu treffen.”​

*Lola wohnt zusammen mit ihrer Familie im Süden von Jakarta. Eine Rückkehr nach Deutschland kann sie sich nicht vorstellen.

© 2017 by Womenwholove.

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