Marta

Marta strahlt - von außen wie von innen. Sie ist einer dieser Menschen, die einem sofort sympathisch sind. Dunkelbraune, volle Haare, dunkle Augen und ein strahlendes Lächeln. Marta sitzt in Kolumbien vor dem Computer und erzählt ihre Geschichte - auf spanisch. Sprachen fallen ihr leicht, sie spricht fließend spanisch, französisch, englisch und natürlich italienisch. Doch für diese Geschichte hat sie Spanisch gewählt. Denn es ist die Geschichte über ihre Liebe zu einem Kolumbianer und das Leben in Kolumbien.

 

Italien

 

Marta wächst in einer mittelgroßen Stadt im Norden Italiens auf. Sie ist Einzelkind, aber trotzdem Teil einer typischen, italienischen Großfamilie. Da ihre Eltern beide arbeiten, ist Marta unter der Woche oft bei den Großeltern. Auch Familienessen mit den zahlreichen Onkeln und Tanten, Cousins und Cousinen, gehören zum festen Bestandteil ihrer Kindheit. In den Ferien fahren alle gemeinsam aufs Land. Sie liebt es in Gesellschaft zu sein, sie ist ein fröhliches und interessiertes Kind. Schon früh interessiert sie sich für Sprachen, besonders Französisch fasziniert sie. Schon während der Schule überlegt sie, Französisch zu studieren. Doch wirklich im Ausland zu leben, kommt ihr zu jener Zeit noch nicht in den Sinn.

Auch Literatur interessiert sie sehr und vor allem - die Psyche des Menschen. Schon mit zehn Jahren verschlingt sie ein Buch nach dem anderen. Ihr gefällt es, verschiedene Charaktere entstehen zu sehen und aus den Büchern über die Essenz des Menschseins zu erfahren.

Nach ihrem Schulabschluss beschließt Marta Psychologie zu studieren. Sie will Psychologin werden, die Menschen verstehen, insbesondere mit Kindern arbeiten und jemand sein, der durch seine Arbeit eine Gesellschaft mit kreiert, die liebevoller und fairer ist, als die gegenwärtige.

Sie zieht in eine italienische Studentenstadt, sie fühlt sich frei - das erste Mal ist sie weg von zu Hause. Sie wohnt in einem Haus voller Studenten WG’s, sie mag ihre Mitbewohner und beginnt voller Motivation mit ihrem Studium.

Marta spezialisiert sich auf Eltern-Kind Beziehungen und liest Bücher und Forschungsberichte der führenden Spezialisten. Die meisten von ihnen kommen aus der Schweiz. Sie ist fasziniert von der Welt der Psychologie, will mehr verstehen und dichter an das Gebiet, welches sie so interessiert. Sie entschließt sich für ein Erasmusjahr und bewirbt sich an der Universität einer großen Schweizer Stadt. Es war nicht schwer eine Zusage zu bekommen: Die Schweiz ist teuer, eher langweilig und französisch muss man auch können - für viele Studenten unattraktiv. Für Marta dagegen wird ein Traum wahr. Sie liebt Französisch und wird an der psychologischen Fakultät, nahe ihrer Vorbilder, studieren.

Die Schweiz

 

Doch der Anfang in der Schweiz ist nicht leicht. Marta kommt bereits einige Tage vor Semesterbeginn an. Die Stadt ist leer und die Universität wie ausgestorben. Marta fühlt sich einsam und alleine wie nie zuvor. Die ersten zwei Tage weint sie viel. Doch nach und nach beginnt sich die Stadt zu füllen. Die Kurse beginnen, andere Erasmus Studenten reisen an und plötzlich gibt es täglich Aktivitäten und Parties, die extra für die Erasmus Studenten organisiert werden. Marta lebt sich langsam ein. Sie wohnt auf dem universitären Gelände in einer WG und findet schnell Freunde, viele sind ebenfalls Austauschstudenten wie sie. Doch nach einem Jahr ist die Zeit um. Die Austauschstudenten verlassen die Schweiz und Marta bleibt allein zurück. Sie hat sich entschieden in der Schweiz zu bleiben und ihren Master zu machen. Das Studium gefällt ihr gut. Doch wieder ist Marta allein. Obwohl sie in der gleichen Stadt bleibt, fühlt es sich wie ein Neuanfang an.

Die Schweizer sind anders als Marta, ernst und seriös. Laut wird es in der Universität selten. Daheim in Italien oder gemeinsam mit den Austauschstudenten konnte Marta immer lachen, etwas trinken gehen, eine Zigarette rauchen. Immer war irgendwo irgendetwas los. Doch diese Zeit scheint vorüber. Der Master ist anspruchsvoll und ihre Schweizer Kommilitonen eher verschlossen. Marta sucht nach Leuten, die entspannter sind - auf ihrer Wellenlänge. Sie entdeckt eine Anzeige für ein Konzert und geht hin. Dort fühlt sie sich wohl und lernt neue Freunde kennen. Die meisten sind Musiker oder Künstler, viele von ihnen kommen aus Lateinamerika, einige aus der Schweiz. Ihre Lebenseinstellung, ihre Kreativität und ihre Fröhlichkeit gefallen Marta. Sie fühlt sich an ihre Kindheit erinnert, als sie viel Zeit mit ihrem chilenischen Kindermädchen verbracht hat, das ebenfalls Musikerin war. Sie alle sind jetzt eine große Familie. Sie trinken, essen, tanzen und lachen zusammen. Ihr gefällt auch, dass sie alle so gegensätzlich zu der konservativen Welt der Universität sind.

Marta wohnt nun bei einer älteren Schweizerin zur Untermiete. Sie bewundert die Frau, die schon in fortgeschrittenem Alter ist und doch etwas jugendliches, starkes und revolutionäres ausstrahlt. Der zweite Untermieter ist ein älterer Herr aus Ägypten, der beim gemeinsamen Zusammensein oft die traurige Geschichte seiner Flucht erzählt. Doch sie verbringen gerne Zeit miteinander, kochen und essen zusammen. Tagsüber studiert Marta, Abends trifft sie ihre internationalen Freunde. Sie hat immer wieder Liebschaften, mit einem Freund lernt sie Spanisch sprechen, doch nichts hält länger.

 

Dann lernt sie eines Tages Daniel kennen. Sie sitzt in der Mensa der Universität, als plötzlich ein Freund vorbeikommt und ihr Daniel vorstellt. Er ist Doktorand für Biologie und forscht eigentlich in Frankreich, ist jedoch immer wieder für Forschungsprojekte in der Schweiz. Marta ist fasziniert von Daniel. Er ist Kolumbianer, zwölf Jahre älter als sie, groß und mit dunklen, kurz geschnitten Haaren. Seine Brille, sein Rucksack, seine Kleidung - alles ist irgendwie elegant ohne übertrieben zu sein. Daniel ist zurückhaltend, fast schon schüchtern und ganz anders als andere Männer, die sie bisher kennen gelernt hat. Marta und Daniel unterhalten sich, sie freunden sich an. In den kommenden Jahren, immer wenn Daniel in der Schweiz ist, treffen sie sich, gehen etwas trinken oder unternehmen etwas. Marta findet Daniel attraktiv, doch nach zwei bis drei Wochen ist er sowieso immer wieder fort und so bleibt es zunächst bei ihrer Freundschaft. Doch zwei Jahre nach ihrem ersten Kennenlernen ändert sich plötzlich etwas. Marta ist fast fertig mit ihrem Studium. Daniel kommt ein letztes Mal in die Schweiz, bevor er für immer nach Kolumbien zurückkehren wird.

 

Entscheidungen

Als Marta und Daniel sich dieses Mal sehen, mit der Gewissheit sich vielleicht nie wieder zu sehen, wird aus der Freundschaft plötzlich eine leidenschaftliche Liebe, die Marta selbst überrascht. Einen Monat sind die beiden unzertrennlich. Doch beide wissen, dass die Zeit nicht stehen bleibt und er irgendwann zurück muss. Sie überlegen, suchen nach Lösungen wie sie in Zukunft zusammen sein können. Marta ist sich sicher, dass ihre Beziehung nicht halten kann, wenn Daniel nach Kolumbien zurückgeht. Doch einfach ohne Arbeit und Plan hier bleiben geht auch nicht. Trotz seines Doktors wird es für Daniel schwierig sein, in Europa und vor allem in der Schweiz Arbeit zu finden. Martas Chancen in Kolumbien hingegen scheinen nicht so schlecht zu sein. Sie ist Europäerin und als Migrantin in Kolumbien wird sie es leichter haben als Daniel als in der Schweiz. In einem halben Jahr wird sie ihr Studium der Psychologie abgeschlossen haben. Sie hat bereits erste Praktika gemacht, ein gutes Netzwerk aufgebaut - und sie spricht Spanisch. Sie beschließen, dass Daniel vorgeht und sie nach der Beendigung ihres Masters nachkommt. So fliegt Daniel zunächst alleine nach Kolumbien.

 

Marta macht sich die Entscheidung nicht leicht. Sie liebt Daniel, sie ist neugierig auf das Leben in Lateinamerika und die Möglichkeiten und Erfahrungen, die das Land bereit hält. Sie ist fasziniert von den Methoden und Forschungsmöglichkeiten, die es dort gibt.

Doch ihre Ängste sind groß. Die Beziehung mit Daniel ist frisch und kam so plötzlich wie überraschend. Ihre Familie und ihre Freunde verstehen nicht, dass sie wegen einer Liebschaft ihr ruhiges, sicheres und erfolgsversprechendes Leben in der Schweiz aufgeben will. Martas Eltern waren stolz auf ihre Tochter, die erfolgreich in der Schweiz studiert und lebt. Auch Italien ist von der Wirtschaftskrise gebeutelt und in der Schweiz sahen sie die berufliche Zukunft ihrer Tochter sicher. Nun will sie all das aufgeben, um in ein Entwicklungsland zu einem Mann zu ziehen, den sie nicht kennen. Kolumbien ist so weit weg und vor allem ist es gefährlich - das Land ist gebeutelt von internationalen Konflikten und sozialer Ungerechtigkeit. Marta schlägt Unverständnis entgegen, ihre Familie und Freunde malen negative Szenarien aus und sprechen immer wieder ihre Ängste an. Doch Marta kann sie auch verstehen. Viele dieser Ängste trägt sie selbst in sich. Sie fragt sich, ob das gut gehen kann, doch die fehlende Unterstützung macht ihr zu schaffen. Nur Daniel ist ruhig und hat Vertrauen, das es klappen wird mit den beiden in Kolumbien. Wenn sie miteinander sprechen träumen sie zusammen von ihrem neuen Leben zusammen in Kolumbien und all den Möglichkeiten, die ihnen offen stehen.

Kolumbien

 

Ein Jahr und ein Besuch in Kolumbien später ist es soweit. Marta landet in Bogotá, der Hauptstadt Kolumbiens und wird von Daniel in die Arme genommen. Zunächst wollen sie hier leben, bis klar wird, wo beide eine Arbeit finden. Bereits das erste Mal, als sie in Kolumbien war, hat sich Marta irgendwie gleich zu Hause gefühlt. Natürlich ist alles anders, aber gerade das fasziniert die junge Italienerin. Sie ist beeindruckt von der Natur Kolumbiens, den Pflanzen, Früchten und der Vielfältigkeit des Lebens hier. Alles scheint viel größer und bunter zu sein, als in Europa.

 

Nun wohnen Marta und Daniel auch das erste Mal zusammen. Es ist schön und schwierig zugleich. Manchmal gibt es Missverständnisse zwischen den beiden, aber Marta merkt auch immer mehr, wie stark doch die kulturellen Unterschiede sind. Kolumbianer sind im Allgemeinen sehr gut erzogen und Daniel kommt aus einer ernsten Familie, wo Konflikte nicht offen angesprochen werden. Die Hierarchien sind deutlich, stets wird darauf geachtet äußerst respektvoll miteinander zu sprechen. Marta dagegen ist direkt. Wenn ihr etwas nicht passt, dann sagt sie es. Offene und emotionale Diskussionen können da auch mal etwas lauter werden. Daniel fühlt sich bei Streits oft nicht respektiert, er kann es nicht tolerieren, dass Marta auch mal Schimpfwörter benutzt oder sich über Ungerechtigkeiten im Alltag lauthals aufregt. Marta hingegen fühlt sich unverstanden. Warum kann sie nicht sagen, was sie denkt? Das letzte was sie möchte, ist sich einem Machismus zu fügen, der in diesem Land so verbreitet ist.

Marta bemerkt auch jetzt erst, wie unterschiedlich beide auf das Leben blicken. Langsam versteht Marta, wie anders beide aufgewachsen sind.

 

In den ersten Wochen erkundet Marta vor allem die Stadt, aber so richtig genießen kann sie es nicht. Sie ist nun keine Touristin mehr, wie bei ihren bisherigen Besuchen, und kann nicht aufhören an die Zukunft zu denken. Oft sitzt sie zu Hause, sie ist viel auf Facebook und chattet mit ihren Freunden und der Familie in Europa. Der Alltag in Kolumbien ist neu und oft sind es schon Kleinigkeiten, die sie ermüden oder frustrieren. Wenn Daniel aus der Arbeit kommt, erkunden sie gemeinsam die Stadt. Sie gehen ins Theater, Kino und auf Konzerte. Bogotá hat eine große kulturelle Vielfalt - das gefällt Marta gut und erinnert sie manchmal fast ein wenig an die Schweiz. Doch ohne Daniel ist es anstrengend, sie soll nicht alleine auf der Strasse laufen, erst recht nicht Abends. Es gibt tausend Dinge zu beachten. Die Angst ist ein häufiger Begleiter in Kolumbien.

Schnell ist klar, dass die beiden nicht in Bogotá bleiben werden. Daniel hat Vorstellungsgespräche, doch der Ausgang ist noch ungewiss. Da beginnt Marta zu recherchieren und sich über berufliche Möglichkeiten für sie in verschiedenen Städten zu informieren. Sie weiß, dass der Berufsstart in einem anderen Land und Kontinent nicht einfach sein wird. Doch sie ist zuversichtlich und mit der Miete einer Erbwohnung in Italien, hat sie ein kleines Einkommen, dass von dem Leben in Kolumbien unabhängig ist.

Marta findet viele interessante Projekte in Kolumbien. Es gibt viele Gewaltopfer in Kolumbien und Projekte mit Psychologen, die mit ihnen arbeiten. Gewalt und Verbrechen greifen tief in die kolumbianische Gesellschaft ein und Marta befürchtet, durch ihre Herkunft aus Europa gar nicht die ganze Tragweite und Komplexität der Probleme der Opfer verstehen zu können. Auch die Sprache stellt sie vor Schwierigkeiten. Ihr Spanisch ist gut, aber je nach Region haben die Bewohner starke Dialekte und ganz unterschiedliche Gepflogenheiten. Außerdem kann sie sich nicht bewerben, bis ihr Universitätsabschluss als Psychologin anerkannt wird. Die einzige Möglichkeit ist, sich an der Universität als Dozentin zu bewerben und das scheint ohne praktische Erfahrung absurd.

 

Herausforderungen

Marta beschließt, sich nochmal für einen einjährigen Master in Psychologie einzuschreiben. Nur so wird sie den nötigen Abschluss, aber auch Erfahrung und Praktika bekommen, um wirklich als Psychologin arbeiten zu können. Daniel und sie ziehen in eine kleiner Stadt in Kolumbien. Fünf Monate nach ihrer Ankunft in Kolumbien beginnt Marta mit ihrem Studium. Daniel hat eine Stelle als Biologe gefunden, Marta arbeitet neben dem Studium als Französischlehrerin an der Universität. Jeden Tag steht sie um fünf Uhr auf, arbeitet, studiert, nur am Sonntag hat sie frei. Die Geschwindigkeit ist hoch, sie ist glücklich mit Daniel zusammen sein zu können, aber sie fühlt sich nicht ausgeglichen und oft ausgelaugt. Immer öfter ist sie traurig, negativ, depressiv - da wird ihr klar, dass sie etwas ändern muss.

Als Marta die Therapie beginnt, ändert sich alles. Eine kolumbianische Therapeutin hilft ihr zu verstehen, welche Frustrationen durch äußere Umstände entstanden sind und welche von ihr selbst kommen. Marta war sehr kritisch gegenüber vielem - Kolumbien, Daniel, ihrer ganzen Situation. Insgeheim hat sie oft Daniel die Schuld dafür gegeben, dass sie so unzufrieden ist, hat Kolumbien und die andere Kultur für ihre Frustrationen verantwortlich gemacht. Sie musste mit dem Verlust ihres europäischen Lebens, guten beruflichen Möglichkeiten und Freundschaften umgehen. Jetzt muss sie ihr neues Leben akzeptieren und schätzen lernen.

Marta lernt, wie wichtig es ist Verantwortung für ihre Situation zu übernehmen. Nicht um sich selbst die Schuld zu geben, sondern um aktiv zu werden. Marta will raus aus der passiven Haltung und aktiv ihr eigenes Leben und ihren Weg bestimmen.

“Ich glaube, dass Migration etwas ist, was dazu führt, dass man sich mit seinen Ängsten und Zweifeln auseinandersetzen muss, die man eigentlich sowieso schon hat, aber durch die Situation noch offensichtlicher und größer werden. Als Migrant in einem neuen Land ist das alltägliche Leben oft eine Herausforderung. Ganz alltägliche Dinge können am Anfang schwierig sein, aber man hinterfragt auch seine eigene Persönlichkeit und seinen Charakter viel stärker.

Ich glaube Migration ist eine einmalige Möglichkeit sich selbst zu entdecken, neue Dinge im Leben, Interessen, Glück. Man wird auf Dinge treffen, die das Leben reicher machen. Als Migrant muss man sich anpassen und sehr flexibel sein. Das ist eine unglaublich wertvolle Eigenschaft. Durch Migration kann man viele positive Aspekte an sich erkennen, aber eben auch die negativen Seiten, wie Dinge, die einen auf die Probe stellen. Migration macht verletzlich, aber auch stark.”

Die Liebe zwischen Marta und Daniel wird immer größer. Ihre Beziehung wächst, sie kommen sich immer näher, denn beide haben gelernt ihre kulturellen Unterschiede zu verstehen und damit umzugehen. Marta fühlt sich jetzt selbstbewusster und dazu in der Lage, die täglichen Herausforderungen des Lebens in Kolumbien zu meistern. Sie ist stolz auf sich. Sie arbeitet an sich selbst und verändert ihren Blick auf die Dinge. Sie weiß, dass manche Dinge in Kolumbien immer schwer für sie bleiben werden, aber nun kann sie anders damit umgehen. Sie glaubt jetzt mehr an sich selbst, lernt, sich selbst für das was sie ist wertzuschätzen und ihren Bedürfnissen Raum zu geben. “Es ist meist einfacher an dem Ort ein gutes Leben zu leben und sich mit Menschen und Dingen zu umgeben, wo man herkommt. Sich ein neues Zuhause aufzubauen, einen Ort, an dem man sich wohl und sicher fühlt und der trotzdem am anderen Ende der Welt ist, braucht Zeit.”

Auch neue Freunde helfen Marta bei dieser Entwicklung sehr. Es sind Kolumbianer*innen, aber auch internationale Freundinnen, die ihr ans Herz wachsen und ihr das Gefühl geben, sich wie zu Hause fühlen zu können.

 

Träume

In den folgenden Monaten studiert Marta, sie arbeitet und engagiert sich ehrenamtlich. Sie lernt das Land und seine Menschen besser verstehen - auch Daniel. Sie lernt, stolz auf den Weg zu sein, den sie geht - auch wenn er anders ist als der vieler ihrer Freunde zuhause, die jetzt schon erfolgreiche Karrieren machen, Häuser bauen und Kinder bekommen.

Doch ihren Traum als Psychologin zu arbeiten, hat sie nicht aufgegeben. Auch nach ihrem Master muss sie noch eine Zusatzausbildung in Kolumbien machen, um als Psychotherapeutin arbeiten zu können. Die ist teuer und wird in Europa nicht anerkannt. Einen international anerkannten Abschluss gibt es nicht.

Wieder liegen zwischen ihrem alten und ihrem neuen Zuhause Welten. Wieder scheinen die Liebe und ihr beruflicher Traum umvereinbar zu sein. Wird sie die Ausbildung in Kolumbien machen, muss sie viel Geld dafür zahlen und wird niemals in Europa als Psychotherapeutin arbeiten können. Wird sie die Ausbildung in Europa machen, kann sie nicht bei Daniel sein. Marta und Daniel reden über die Situation, wieder und wieder. Beiden ist klar: Damit Marta glücklich sein kann und ihren Traum verwirklichen will, muss sie die Ausbildung in Europa machen. Die Entscheidung fällt beiden schwer, doch als sie gefallen ist, sind die erleichtert. Daniel unterstützt Marta. Nach drei Jahren zusammen in Kolumbien werden sie nun wieder eine Fernbeziehung haben und sich nur in den Ferien sehen. Doch Marta weiß - nur wenn sie ihre eigenen Ziele verfolgt, kann auch die Beziehung mit Daniel gut gehen. Ab Januar ist es soweit und sie wird zurück nach Italien gehen. Beide wissen, es werden schwierige Jahre werden, aber sie vertrauen einander und wissen, dass ihre Liebe stark ist.

“Wenn ich alt bin, würde mich gerne auf das Leben einer Frau zurückblicken, die viele verschiedene Erfahrungen gemacht hat, eine fröhliche Frau, die dankbar über ihr Leben ist, hoffentlich mit vielen Freunden jung und alt. Ich möchte jemand sein, der sein Leben wertschätzt. An welchem Ort das ist, weiß ich nicht.”

 

Marta ist in den letzten Jahren gewachsen, an den Umständen und an sich selbst. Sie weiß, sie muss es wagen. Und sie spürt, dass sie stärker ist, als früher. “Eine starke Frau ist für mich jemand, der sich selbst respektiert, der ehrlich ist zu sich selbst und zu anderen. Ich muss nicht vorgeben etwas zu sein, was ich nicht bin. Ich finde Frauen stark, die zu ihren Entscheidungen stehen. Egal, welche das sind.”

Für Marta steht der Mensch im Mittelpunkt. Frauen und Männer, Kinder und Eltern, Europäer, Latinos - wichtig ist, dass man sich gegenseitig mit Respekt behandelt.

 

Erst hat Marta gelernt andere zu verstehen und ihnen zu helfen und dann hat sie sich selbst besser kennengelernt. Sie weiß, es wird immer wieder Neues kommen im Leben. Sie weiß, sie wird nicht aufhören zu lernen - über andere und sich selbst. Sie weiß nicht, was die Zukunft bringt. Aber sie ist hat Vertrauen, ist neugierig und bereit - was auch immer kommen mag.

*Marta ist mittlerweile nach Italien zurückgekehrt und macht dort ihre Ausbildung zur Psychotherapeutin. Daniel und sie führen eine Fernbeziehung. 

© 2017 by Womenwholove.

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