Maria

Susanne

Zuvor

 

Ich war nie eine große Abenteurerin. Ich wollte immer etwas erreichen, ich war nicht schüchtern, aber ich war niemals die, die in hohe Wellen eines brausenden Ozeans springt. Niemals die, die auf den Volksfesten in die großen Achterbahnen steigt, oder die, die sich nach dem Abitur alleine nach Südostasien oder Australien aufmachte, um Abenteuer zu erleben und sich selbst zu finden. Ich war niemals die, die ein richtiges Risiko eingehen wollte. 

Als ich klein war, fuhren wir meist einmal im Jahr nach Italien und vielleicht noch ins Ferienlager. Das Geld war immer knapp, meine Mutter alleinerziehend und es reichte nicht für mehr. Wir erkundeten das Umland, machten viele Ausflüge und oft fuhr meine Mutter mit meinen zwei Schwestern und mir nach Garmisch-Patenkirchen, wo wir wandern gingen. Meine Oma wohnte in Garmisch-Patenkirchen; wenn wir nach einer Wanderung zu ihr kamen, gab es Pfannkuchen oder Anisplätzchen und meine Schwestern und ich bauten uns Höhlen auf der Terrasse und spielten im Garten. Wir waren zufrieden, wir vermissten kaum etwas. Vielleicht wären wir manchmal lieber mit dem Auto als mit dem Zug (wir kamen immer in letzter Sekunde angerannt) gefahren, aber wir hatten keins. Vielleicht hätten wir gerne einmal Urlaub in einem richtigen Hotel am Meer gemacht, statt in kleinen Ferienwohnungen. So wie unsere Freundinnen und deren Familien. Bei uns war es immer etwas chaotisch, es gab immer Sorgen ums Geld, doch wir waren glücklich und meine Mutter tat alles, um es uns zu Hause schön zu machen. Wenn die anderen in den Sommerferien zu großen Reisen aufbrachen, durften wir unsere Zimmer neu streichen und uns die Farbe aussuchen. Danach gab es Erdbeerkuchen auf dem Balkon und wir machten Picknick in einem der zahlreichen Biergärten in München. 

Nach dem Abitur zog ich in eine andere Stadt zum Studieren, viele meiner Freunde taten es mir gleich. In den Semesterferien unternahmen sie jetzt große Reisen, fuhren nach Ecuador, Kolumbien, Thailand und Vietnam. Sie verbrachten Semester in Italien oder Argentinien und eröffneten ihre Konten auf Facebook, um mit all ihren internationalen Freunden in Verbindung zu bleiben. Mein erster Freund ging für ein halbes Jahr nach Kapstadt. Kurz davor trennte er sich von mir. Mein zweiter Freund kam gerade von einem Semester Studium in Kolumbien und einem Praktikum in New York zurück, als wir uns kennenlernten. Wenn wir in den kommenden Jahren mit anderen zusammensaßen, ging es oft um Reisen und Auslandserfahrung. Ich studierte Geschichte und deutsche Literatur, in den Semesterferien arbeitete ich besonders viel, um mein Bafög aufzubessern und meine Miete bezahlen zu können. Ich machte es mir mit meinen Freunden schön am Bodensee, wir machten kleine Trips in Europa. Das, was wir uns eben leisten konnten.

Für meinen Master ging ich nach Berlin. Ich wollte in der großen Stadt voller Kultur leben. Doch es war kalt und grau und im zweiten Semester beschloss ich, dass ich es probieren würde mit dem Auslandsemester. Ich besuchte einen Spanischkurs in der Uni, bewarb mich für ein Erasmussemester in Spanien, beantragte Auslandsbafög, lieh mir Geld (da das Bafög nie reichte) und ging für ein halbes Jahr nach Salamanca. Endlich lernte ich eine andere Sprache, endlich hatte ich die Auslandserfahrung, von der alle sprachen. Es war schön und interessant. Ich hatte viele spanische und italienische Freunde, vier Kurse in der Woche und den Rest der Zeit frei, um die Stadt und Spanien zu erkunden. Doch gegen Ende des Semesters wurde ich nervös - ich hatte kein Geld, um all die Reisen zu machen, die die anderen Austauschstudenten machten. Und nach einigen Monaten in der Kleinstadt wollte ich wieder raus, eine größere Stadt, mehr sehen, mich weiterentwickeln.

Ein halbes Jahr nach meiner Rückkehr zog ich zurück nach München, zusammen mit meinem damaligen Freund. Ich begann ein Praktikum, schrieb meine Masterarbeit und arbeitete in Cafés, im Literaturhaus und als Hostess auf Messen. Ich wurde Projektassistentin beim Literaturfest, später bekam ich meine erste feste Stelle als Projektkoordinatorin des Brechtfestivals. Endlich war ich wieder in München - meiner Heimatstadt, die mich manchmal anstrengte und einengte, aber die die Vorteile einer Großstadt mit Dorfcharakter hatte. Es gab ein großes Kulturangebot, ich hatte viele Freunde und meine Familie. Und ich war stolz. Ich hatte während meines ganzen Studiums  gearbeitet, aber endlich konnte ich mit dem, was mich interessierte Geld verdienen. Ich war respektiert, ich baute mir ein berufliches Netzwerk auf, ich organisierte spannende Projekte und Ende jeden Monats hatte ich mein Gehalt auf dem Konto. 

Ich hatte gerade das Gefühl angekommen zu sein. Seit ein paar Monaten hatte ich eine tolle Anstellung, ich wohnte seit zwei Jahren in einer schönen, kleinen Wohnung in München und wollte eigentlich zur Ruhe kommen. Doch meiner Beziehung ging es nicht gut, schon lange gab es viel Streit über enttäuschte Erwartungen und unterschiedliche Lebensentwürfe. Ich hatte gekämpft, sehr lange, ich war erschöpft - da lernte ich Erick kennen.

 

Wenn ich zurückblicke würde ich nicht sagen, dass Erick mein Leben verändert hat. Er hat mich nicht gerettet oder so, er war einfach da. Ich war so müde und gleichzeitig so offen für Neues und ich verliebte mich. Und vielleicht würde nun endlich alles gut und so bleiben, wie es ist. Aber das blieb es nicht.

 

Liebe

 

Es ist wieder soweit und Oktoberfest in München. Die Stadt steht Kopf. Ich stehe alleine vor einem Bierzelt, es ist schon spät und ich komme nicht rein. Alle meine Freunde feiern drinnen, ein langes Wochenende steht vor der Tür und die Zelte sind überfüllt. Erick steht mit einem Freund neben mir, spricht mich an, ob ich ihm helfen kann hereinzukommen. Ich verneine. Da öffnet ein Kellner die Tür zum Biergarten, es sind Sekunden, doch ich reagiere sofort. Er lässt und rein, wenn wir ihm sofort ein Bier abkaufen. Wir stoßen zu dritt mit jeweils einer Maß an. Es ist wohl die bayerischste und zugleich internationalste Art, sich kennenzulernen- auf dem größten Volksfest der Welt. Ich bin Münchnerin. Erick und sein Freund kommen aus Rio de Janeiro, Brasilien. Er erzählt mir, dass er in Europa studiert hat, dass er seit zehn Jahren in München wohnt. Wir sprechen Deutsch. Dann kommen meine Freundinnen und holen mich ins Zelt. Ich verspreche Erick und seinem Freund, sie reinzuholen. Wir treffen uns drinnen wieder, wir unterhalten uns ein wenig, er blickt mich an - ich mag ihn. Er fragt mich nach meiner Telefonnummer, ich sage ihm, dass ich einen Freund habe, er blickt enttäuscht, dann gibt er mir seine Nummer - wir können ja auch einfach einmal einen Kaffee trinken gehen, sagt er.

 

Die kommenden Tage, Wochen und Monate wird sich alles ändern. Zu diesem Zeitpunkt weiß ich noch nicht, dass wir uns noch dieses Wochenende wieder auf dem Oktoberfest treffen, dass wir uns küssen werden, dass ich mich von meinem Freund trennen werde, mein Herz verwirrt und gebrochen, weil ich merke, dass ich die Beziehung nicht mehr führen kann. Ich werde zu einer Freundin ziehen, mir eine eigene Wohnung suchen, meine Kisten und Möbel aus der gemeinsamen Wohnung holen, gepeinigt von Schuldgefühlen. Ich werde Erick einige Wochen später wieder treffen und immer, immer wieder. Am Anfang werde ich denken, das ist nichts, nur ein wenig Spaß und doch merken, wie geborgen ich mich mit ihm fühle. Ich werde meinen Freundinnen sagen, dass wir schon nicht heiraten werden. Ich werde lernen, dass er ein gebrochenes Herz hat und dass er sich nicht so ganz auf mich einlassen will. Ich, ebenfalls müde von den langen Beziehungskämpfen der Vergangenheit, will die Sache irgendwann beenden. Wir beide können es nicht. Es ist komisch mit uns, denn wir haben keine gemeinsamen Freunde oder andere Gemeinsamkeiten wie Hobbies oder die Arbeit. Er, Brasilianer aus Rio de Janeiro, studierter Ingenieur und Manager in einem großen Unternehmen, ich aus München und Literaturfrau. Doch es stimmt zwischen uns und einige Monate nach unserem Kennenlernen sind wir schließlich ein Paar. Noch gehen wir sehr vorsichtig miteinander um, er braucht Zeit für viele Dinge, die für mich ganz normal erscheinen, Eltern kennenlernen, Freunde kennenlernen. Jeder von uns hat seine Erfahrungen in der Vergangenheit gemacht, seine Enttäuschungen erfahren, seine Eigenheiten entwickelt. Wir machen unsere ersten Wochenendtrips zusammen, wir verbringen alle freie Zeit zusammen und  planen unseren ersten Urlaub. Es ist schön, mit ihm zu sein, und mir geht es gut in unserer Beziehung und meinem Leben, das ich mir eingerichtet habe. 

 

Veränderungen Teil 1

 

Wir sind etwa drei Monate offiziell zusammen, als an einem Freitagabend der Anruf kommt. Ich bin mit Freunden unterwegs, als Erick mich anruft und fragt, ob ich zu ihm kommen kann. Als ich bei ihm bin, schaut er mich traurig an. Kurz zuvor hatte ihn sein Chef angerufen. Der deutsche Teil seiner Firma wird verkauft werden. Der Hauptsitz der Firma, die zu einer brasilianischen Firmengruppe gehört, liegt in Miami. Sie bieten ihm dort einen Posten an - es ist eine große Chance; die, auf die er immer gewartet hat. Ich bin geschockt, doch ich habe in den letzten Jahren und Monaten schon gelernt, dass man das Leben nicht beeinflussen kann. Ich versuche, gefasst zu bleiben, doch die Tränen laufen mir übers Gesicht. Es ist Freitag - bis Montag muss er sich entscheiden. 

Er fragt mich, ob ich mir vorstellen kann eine Fernbeziehung nach Miami zu führen. Ich sage nein. Ich weiß, dass der neue Job sein Traum ist. Ich sage ihm, dass ich ihn verstehe und seine Entscheidung respektiere, egal wie sie ausfallen wird, aber dass, wenn er sich entscheidet zu gehen, es vermutlich das Ende unserer Beziehung sein wird. Am nächsten Tag bin ich bei meiner Mutter, ich weine viel - endlich war ich glücklich, endlich sind wir zusammen und nun das. Sie macht sich Sorgen. Erick hat gesagt, er wird das Wochenende über nachdenken, doch ich weiß, wie er sich entscheiden wird. Wir kennen uns gerade mal einige Monate, er hat jahrelang auf diese Chance hingearbeitet. Ich weiß, ich kann keine Fernbeziehung führen - das habe ich schon jahrelang gemacht und es hat mich nicht glücklich gemacht. Ich will mit jemand zusammen sein und zwar nicht für ein Wochenende im Monat. Mein Kulturgehalt reicht auch nicht für regelmäßige Flüge in die USA, meine Position mit viel Verantwortung ist nicht geeignet für Urlaube in der Zeit vor dem Festival, das ich organisiere. 

Ich verschwende keinen Gedanken daran mitzukommen. Erick und ich verbringen das ganze Wochenende zusammen. All die Vorsicht oder die Angst, vielleicht doch noch enttäuscht zu werden, ist mir jetzt egal. Wir halten uns fest - mit dieser Nachricht realisieren wir, dass wir nicht ohne einander sein wollen. Erick erinnert mich an meinen Wunsch, den ich ihm öfter erzählt habe, dass ich irgendwann an einem Ort leben will, an dem immer die Sonne scheint. Ich hasse die langen Winter in Deutschland. Er sagt, jetzt hätte ich die Chance dazu. Ich lächle müde. Am Sonntagabend treffe ich eine Freundin. Warum ich denn nicht mitgehe, fragt sie mich. Ich lache. Was soll ich in Miami? Ich habe einen tollen Job hier, in acht Monaten findet das nächste Festival statt und ich soll in zwei Wochen meinen nächsten Jahresvertrag unterschreiben. Ich habe keine Ersparnisse und mein Studium ist nicht gerade der Karrieregarant für die USA. Ich war einige Monate zuvor für zwei Wochen in New York - ein Traum - aber der Rest Amerikas lässt mich eher skeptisch werden. Mein Schulenglisch reicht für Konversation, aber kaum zum Arbeiten - und ich habe kein Visum. Es finden sich Möglichkeiten, sagt meine Freundin. Ich sollte es mir durch den Kopf gehen lassen. Ich habe Angst, so etwas überhaupt zu denken - und dass er es vielleicht nicht möchte.

Die nächste Woche beginnt und ich frage Erick, wie er es fände, wenn ich mitkomme - nicht jetzt, ich möchte mein zweites Festival zu Ende bringen, aber vielleicht etwas später. Er strahlt und sagt, er fände es schön. Erick sagt zu, da ist es Mitte Juni. Wir wissen nicht genau, wann er gehen muss, wieviel gemeinsame Zeit wir noch haben. Wir fahren zusammen nach Portugal, wir genießen unsere Zeit, ich unterschreibe meinen Arbeitsvertrag, ab und zu reden wir über die Zukunft, aber alles ist sehr vage. Zur gleichen Zeit hat sich Erick für einen MBA eingeschrieben, die Universität hat auch einen Campus in Miami. Kurze Zeit später ist klar: Er wird Anfang September nach Miami gehen und dort seinen neuen Job und sein Wochenendstudium beginnen. Er braucht nur noch sein Visum, dann kann es losgehen.

 

Als er seine Möbel und sein Auto verkauft, seinen Mietvertrag kündigt, da wird mir schwer ums Herz. Er hat mich in seinem Visum als Verlobte angegeben. Er hofft, dass ich damit später in den USA ein Arbeitsvisum bekomme. Wir vereinbaren, dass ich ihn in Miami besuchen komme und er mich in München. An Weihnachten wollen wir entscheiden, ob ich wirklich nach Miami gehe. Ich habe Angst vor der Zeit, die kommt - ich weiß nicht, was passieren wird - werden wir uns entfremden, wo wir doch gerade erst richtig angefangen haben, uns kennenzulernen, werden wir das schaffen? Ich weiß, ich muss es versuchen. Wir organisieren eine Abschiedsparty für ihn; seine Eltern und ich helfen ihm alle Kisten und Koffer zu packen. Das meiste verkauft oder spendet er - ich schenke ihm ein Fotoalbum von uns - dann ist er weg.

 

Die Arbeit lenkt mich ab, doch meine Arbeitskollegen wissen nichts von meiner privaten Situation. Erick und ich telefonieren jeden Tag, aber es ist schwierig wegen der  sechs Stunden Zeitunterschied. Wenn ich aufwache, ist er schon längst im Büro, wenn es bei ihm Abend ist, sitze ich noch im Büro. Richtige Gespräche sind nur am Wochenende möglich. Er arbeitet viel, am Wochenende studiert er. Als er eine Wohnung sucht, schickt er mir jedes Mal Videos der Besichtigungstermine und fragt, welche Wohnung am besten gefällt. Mein Flug nach Miami geht erst in zwei Monaten. Die Flüge sind günstig und so vermiete ich spontan meine Wohnung über Airbnb für das letzte Oktoberfest Wochenende und fliege für fünf Tage nach Miami. Wir freuen uns sehr aufeinander, aber unser Wiedersehen ist komisch. Es waren nur vier Wochen, aber plötzlich wohnt Erick in einer fremden Stadt, einer fremden Wohnung und hat ein Leben, das nichts mehr mit mir zu tun hat. Das Telefonieren funktioniert zwar, aber richtige Gespräche sind schwierig. Ich merke, wie er nicht mehr so gerne  Deutsch spricht, wie es ihn anstrengt. Als ich nach Miami komme, sind wir beide verunsichert. Erick kann sich nicht freinehmen und so bin ich die ersten Tage allein in Miami unterwegs. Die Stadt befremdet mich, es ist teuer und alles wirkt so unecht auf mich, der Strand, die Autos, die Bars. Menschen in Rollerblades und mit Silikonbrüsten fahren am Strand entlang. Als wir auf dem Ocean Drive sind, umgeben von Touristen, die Cocktails aus Eimern trinken, fange ich an zu weinen. Ich weiß, dass ich hier nicht hingehöre, ich weiß nicht, was ich hier machen soll. Ich helfe Erick umzuziehen, wir fahren zu Ikea - der einzige Ort, an dem ich mich etwas zu Hause fühle. Am Montagmorgen, nach viereinhalb Tagen in Miami, geht mein Flieger zurück nach München. Am Dienstag sitze ich mit Jetlag wieder am Schreibtisch. 

Viele verschiedene Pläne rasen durch meinen Kopf. Welche Optionen habe ich in Miami, was kann ich dort machen? Ich suche auf Facebook nach Kontakten in Miami. Der britische Freund einer Freundin macht mich mit einem Paar in Miami bekannt. Sie ist Amerikanerin, ihre Familie kommt aus Venezuela, er ist Deutscher. Als ich sechs Wochen später wieder nach Miami fliege, laden mich die beiden zum Essen ein. Ich lerne eine andere Seite von Miami kennen, Erick und ich fahren für ein paar Tage nach Key West - einer Inselkette kurz vor Kuba. Ich mag die Holzhäuser, die mich an die Geschichten von Pippi Langstrumpf erinnern und die Hühner auf der Straße. Wir sind froh, zusammen zu sein und endlich Zeit miteinander zu verbringen. Es ist schön. Ich gewöhne mich langsam an den Gedanken, hierher zu kommen.

Als ich zurückkomme, dauert es nicht mehr lang und Erick kommt zu Weihnachten nach München. Eigentlich haben wir schon bei meinem letzten Besuch entschieden, dass wir unsere Pläne wahr machen. Die zwei Wochen zusammen vergehen schnell. Danach beginnt die schwierigste Zeit. Wir werden uns drei Monate nicht sehen. Anfang Januar fliegt Erick zurück nach Miami, ich buche meinen Flug für Anfang April. Noch habe ich nicht gekündigt und kein Visum. 

An Weihnachten sprechen wir über das Visum , aber eine konkrete Lösung haben wir nicht. Erstmal werde ich mit einem Touristenvisum einreisen. Damit darf ich nicht arbeiten. Ich werde meine Wohnung für ein halbes Jahr untervermieten, meine Kleider in den Keller räumen. Wenn es nicht klappt, kann ich zurück - ich wäre dann  zwar ohne Job, aber das Risiko muss ich eingehen. Ich mache in der Greencardlottery mit. Eine Firma namens American Dream hilft mir bei der Bewerbung. Die Leute, mit der sie auf der Webseite werben, halten stolz eine Greencard in der Hand. Ich finde das blöd. Ich will gar keine. Ich habe nicht den Traum, in Amerika zu leben. Und doch muss ich alle Möglichkeiten in Betracht ziehen, damit es klappt. 

Natürlich gewinne ich nicht in der Lotterie. Ich vereinbare ein Beratungsgespräch bei der gleichen Firma, um die verschiedenen Möglichkeiten für Visa durchzusprechen. Erick schlägt vor, ich solle mich schon anfangen zu bewerben, um einen Sponsor für mein Visum zu finden. Ich telefoniere mit American Dreams, ich schildere einer Dame meine Situation, tatsächlich denke ich zu diesem Zeitpunkt eher, dass ich die Ausnahme bin. Die Beraterin spricht Klartext mit mir: Die Möglichkeit erfolgreich einen Sponsor zu finden oder sich auf normalem Weg auf ein Arbeitsvisum zu bewerben, liegt gleich null. Sie klärt mich über Kosten und den Zeitrahmen einer Bewerbung für ein Arbeitsvisum auf. Die einzige Möglichkeit in unserem Fall ist: Heiraten. Ich bin etwas verblüfft über die Klarheit ihrer Aussage. Erick und ich haben schon mal vage darüber geredet. Ich habe das Gefühl, ihm ist das Thema etwas unangenehm. Ich bin nicht völlig überrascht, aber ich hatte es eigentlich nicht so eilig damit und vor allem finde ich das Ganze ziemlich unromantisch. Nach dem Gespräch rufe ich Erick in Miami an. Ich sage ihm, dass die Frau gesagt hat, dass wir heiraten sollen. Ich komme mir selbst total blöd vor. Am anderen Ende der Leitung ist es stumm. Jetzt kommst du erstmal her und dann sehen wir weiter, sagt Erick. Ich sage nichts, merke aber wie ich auf ihn sauer werde. Wie kann er mich in diese Situation bringen? Mein Traum ist es nicht, in den USA zu leben, ich habe keine Eile mit dem Heiraten und plötzlich muss ich alles organisieren, mich bei der Lotterie anmelden und Beratungsgespräche führen und ihm schließlich diese Information überbringen. Ich lege auf. Später sage ich ihm, dass ich die nächsten Monate nicht mehr über das Thema Heirat sprechen will.

Kurz darauf habe ich meinen Termin bei der amerikanischen Botschaft. Für mein sechsmonatiges Touristenvisum muss ich zum Interview. Ich bin nervös, habe alle Fragen mit der Beraterin vorbereitet. Es darf auf keinen Fall so rüberkommen, als wolle ich in den USA arbeiten. Außerdem soll ich sagen, dass ich verlobt bin. Nachdem ich durch die Sicherheitskontrolle bin, renne ich ständig auf die Toilette. Doch dann geht alles kurz und schmerzlos. Nach einer Woche habe ich mein Visum, mit dem ich sechs Monate in den USA bleiben darf. Ich kündige meine Stelle einige Monate im Voraus. Das Festival ist Ende Februar, ich arbeite viel und schlafe schlecht. Danach habe ich viele Überstunden und Urlaub übrig. Ende März ist mein letzter Arbeitstag. Ich habe eine Woche, um meine Wohnung für die neue Mieterin vorzubereiten und meine Koffer zu packen. Ich schmeiße eine kleine Abschiedsparty für meine Freunde. 

Am 5. April 2016 steige ich das dritte Mal ins Flugzeug, um von München über Düsseldorf nach Miami zu fliegen. Diesmal werde ich bleiben. 

 

Miami Teil 1

 

Als ich ankomme, holt mich Erick am Flughafen ab. Er ist eine halbe Stunde vorher von einer Geschäftsreise gekommen und müde. Ich bin zwölf Stunden geflogen und habe eine Stunde an der Grenzkontrolle angestanden. Wir haben uns drei Monate nicht gesehen. Es ist komisch und schön. Erick hat sich im Vorfeld viele Sorgen gemacht. Ob ich mich wohlfühlen werde, ob ich sehr alleine bin. Er arbeitet viel, kam in den letzten Monaten nie vor zehn oder elf Uhr nachts nach Hause. Wir wohnen in einem One-Bedroom-Apartment. Wir haben ein Auto, mit dem Erick jeden Tag zur Arbeit fährt. Werden wir klarkommen in einer Autostadt, in der die öffentlichen Verkehrsmittel sehr beschränkt sind und in der Erick das Auto braucht, um zur Arbeit zu kommen? Ich habe ebenfalls viel nachgedacht. Wie wird es sein, wenn ich nicht mehr völlig unabhängig bin? Glücklicherweise habe ich einen Job als Social Media Managerin bei einer großen deutschen Zeitung bekommen. So arbeite ich etwa zwei Stunden am Tag und verdiene etwas eigenes Geld. Zum Leben reicht das natürlich nicht. Ich habe immer alles allein gemacht. Nun bin ich auf die Hilfe eines Mannes angewiesen. Das letzte, was ich möchte, ist eines der Miami-Luxusweibchen zu sein. Eine Hausfrau aber auch nicht. Wir werden sehen.

Die Sorgen sind erst einmal unbegründet. Erick gibt sich Mühe und versucht, früh nach Hause zu kommen. Ich arbeite, erkunde Miami und melde mich nach drei Wochen Eingewöhnungszeit zu einem Sprachkurs an. Nun habe ich eine Routine. Jeden Morgen gehe ich um halb neun Uhr morgens  aus dem Haus und bin bis mittags in der Sprachschule. Ich habe Glück. Ich lerne viele nette Frauen kennen. Viele leben in der gleichen oder einer ähnlichen Situation wie ich, alle sind neu in Miami, einige nur auf der Durchreise, aber ein kleiner Kern wird bleiben. Alle sind verheiratet im Gegensatz zu mir. Manche haben einen Amerikaner geheiratet, andere sind mit ihren Ehemännern aus beruflichen Gründen in die USA gekommen. Es gibt viel zu diskutieren, viel zu erzählen. Es macht Spaß. Am Nachmittag arbeite ich, am Abend verbringen Erick und ich Zeit zusammen, treffen erste Freunde und genießen es, endlich zusammen zu sein. Wir sind glücklich. Ich habe weniger Eingewöhnungsschwierigkeiten als ich dachte, das Zusammenleben mit Erick klappt gut. Manchmal, wenn wir wieder in eine der schrecklichen Malls fahren müssen, weil es kaum Geschäfte in der Stadt gibt und kein Stadtzentrum, bin ich genervt. Wenn wir wegen jeder Kleinigkeit in unserem Wohncondominium um Erlaubnis fragen müssen. Mir fehlen die Straßencafés. Mir fehlt das deutsche Brot und Kuchen und billiges, gutes Essen. Manchmal fehlen mir meine Familie und meine Freunde, aber schon bald hat sich Besuch angekündigt. Nachdem meine Freundin nach zehn Tagen Miami und einem Kurztrip in New York wieder im Flugzeug nach Deutschland sitzt, sind drei Monate vergangen. Mein Budget für meinen Sprachkurs ist aufgebraucht. Ich verlasse die Sprachschule. In den letzten Monaten haben Erick und ich das Thema Heiraten etwas gemieden. Ich fühle mich unwohl, es anzusprechen, aber das Thema ist im Raum wie ein großer bunter Elefant im Porzellanladen, den jeder zu ignorieren versucht. Ein langes Wochenende steht bevor und Erick und ich haben einen Kurztrip gebucht auf eine der nahgelegenen Inseln. Ich sage ihm, dass wir an diesem Wochenende über das Thema reden müssen. In drei Monaten geht mein Flug zurück nach München. Noch habe ich einen Mietvertrag mit Kündigungsfrist in Deutschland, all meine Sachen sind dort. Es gibt keinen Plan. Ich werde nervös.

Als wir auf der Insel gelandet sind, verbringen wir den ersten Abend, ohne über das Thema Heirat zu reden. Doch wir wissen, dass es an der Zeit ist. Beim nächsten Abendessen sprechen darüber, wie es wäre, wenn wir heiraten. Es gibt viele Themen zu diskutieren. Wir sind sehr unterschiedlich und kommen aus verschiedenen Welten. Erick ist froh, in den USA zu sein. Er war es leid, in Deutschland zu arbeiten, er war die hierarchische Kultur dort leid, Aufstiegsmöglichkeiten gab es für ihn wenige, er hat sich in den zehn Jahren nie nicht als Ausländer gefühlt. 

Er liebt seinen jetzigen Job, er arbeitet nun mehr als früher. Erst in Miami merke ich, dass ihm als Brasilianer die amerikanische Kultur viel näher ist als mir. Miami ist für ihn ein Traum. Dass er mehr arbeitet anstatt zu leben, scheint ihn nicht zu stören. Auch wenn ich die letzten drei Monate gut klargekommen bin, weiß ich: ich finde so ziemlich alles in Deutschland besser außer das Wetter. Bildung, Krankenversicherung, Ernährung, öffentliche Verkehrsmittel, Umweltbewusstsein, meine berufliche Perspektive - all das ängstigt mich hier. Mal reinschnuppern okay, aber ein Leben hier verbringen kann ich nicht. Ich bin in einer Familie ohne viel Geld aufgewachsen, mir bedeutet Luxus und Konsum wenig, aber ich möchte Kultur um mich haben, interessante Möglichkeiten und nicht in einer Plastikwelt leben. 

Können wir trotz dieser Unterschiede heiraten, vielleicht eine Familie gründen? Wir wissen, dass es nicht leicht wird. Aber wir lieben uns - das steht jedenfalls fest. 

Wir spazieren zum Strand, dort holt er plötzlich einen Ring aus seiner Tasche heraus und hält um meine Hand an. Ich bin dann doch ehrlich überrascht, das hätte ich nicht erwartet. Natürlich freue ich mich unglaublich. Ich nehme den Heiratsantrag an.

 

Die Hochzeiten

 

Nun muss alles plötzlich ganz schnell gehen. Wir beschließen in Miami standesamtlich zu heiraten und eine kirchliche Trauung in Deutschland zu machen. Wir haben drei Monate bis mein Flug zurück nach Deutschland geht. Nun ist mein zweiter Job, meine eigene Hochzeit zu organisieren. Meine berufliche Erfahrung kommt mir zu Gute und irgendwie schaffen wir es, in drei Monaten eine Kirche in Deutschland zu organisieren, die Erlaubnis zu bekommen kirchlich zu heiraten und zwei Pfarrer zu finden, die uns trauen werden. Wir laden unsere Familien und Freunde ein, ich fliege zwischendurch eine Woche nach Deutschland, um die letzten Details zu klären. Ich bin aufgeregt in dieser Zeit und manchmal überfordert. Alles ist weit weg, Deutschland, wo wir heiraten wollen, meine Familie, meine Freunde. Ich komme mir manchmal vor, wie in einem schlechten Hollywoodfilm. Erick arbeitet viel und muss immer wieder an den Wochenenden in die Uni. Miami zu genießen, die Stadt zu erkunden und anzukommen, ist plötzlich in den Hintergrund getreten.

Am Tag unserer standesamtlichen Hochzeit arbeitet Erick am Vormittag von zu Hause. Ich gehe los und kaufe mir einen kleinen Blumenstrauß. Ich trage ein Sommerkleid, Erick ein Hemd und eine schwarze Stoffhose. Wir fahren in die City Hall nach Miami Beach. Unsere „Marriage License”, also die Erlaubnis zu Heiraten, haben wir schon eine Woche vorher geholt, unsere Pässe vorgezeigt und die Gebühr bezahlt. Nun sitzen wir hier ohne Termin, ziehen eine Nummer und warten auf den nächsten Platz am Schalter. Im Fernsehbildschirm über uns läuft die Fernsehsendung „Divorce Court“. Es geht um Betrug, Geld und alle schreien und weinen. Als wir drankommen, geht alles ganz schnell. Wir werden in einen kleinen Nebenraum mit Plastikblumen und Tüllgardine geleitet, die Dame vom Amt macht Fotos und innerhalb von drei Minuten sind wir verheiratet. Wir trinken ein Glas Champagner auf dem Ocean Drive. Vor genau einem Jahr saß ich noch hier und weinte. Nun bin ich also verheiratet. Es sind drei Wochen, bis mein Flug nach Deutschland geht. Am nächsten Morgen geht Erick wieder arbeiten;, ich bin allein mit der Organisation und all meinen Gefühlen. Plötzlich fange ich an zu zweifeln, ich weine oft und überlege, ob das alles richtig war. Nach einigen Tagen beginnt Erick, sich Sorgen zu machen. Ich bin völlig neben der Spur und spreche viel meiner Familie. Das war alles zu viel, zu schnell, wie konnte sich mein Leben in einem Jahr so ändern? Mir fehlt mein zu Hause und die Menschen, die mich schon so lange kennen. Die Gesellschaft erwartet von einem in bestimmten Lebenssituationen bestimmte Gefühle. Doch was, wenn sie nicht eintreten oder uns austricksen?

Ich fliege eine Woche vor Erick nach Deutschland. Er kann sich nicht so lange freinehmen. Den ganzen Flug über weine ich. Mein osteuropäischer Sitznachbar bleibt davon unbeeindruckt. Als ich nach Hause meiner Mutter in die Arme falle, geht es mir besser. 

 

Es ist schön, zu Hause zu sein. Meine Freundinnen organisieren einen kleinen Junggesellinnenabschied auf dem Oktoberfest. Hier fing alles vor zwei Jahren an. Im Herzen meiner Heimat, umringt von meinen Freundinnen, sind alle Zweifel verschwunden. Am nächsten Tag schließe ich Erick am Flughafen glücklich in die Arme.

 

Unsere Hochzeit wird unvergesslich schön. Die engsten Familienmitglieder und Freunde aus der ganzen Welt sind gekommen, um mit uns zu feiern. Es ist Oktober, kalt und als ich mit meiner Trauzeugin zur Kirche fahre, regnet es. Wir haben die kleine bayerische Gemeinde auf den Kopf gestellt, es gibt einen bayerischen und einen brasilianischen Pfarrer, der Gottesdienst ist zweisprachig. Eine Freundin singt mit ihrem Gospelchor und alle klatschen und singen mit. Der Tag verfliegt, wir feiern am See, es gibt Reden, Spiele, Kerzen auf dem See und wir tanzen bis zum Morgengrauen. Danach fahren Erick und ich für drei Tage in die Toskana. Dann fliegt Erick zurück nach Miami.

 

Ich bleibe alleine in München zurück, ändere meinen Namen, meinen Ausweis und meinen Pass und beantrage ein neues Visum. Wieder habe ich ein Interview in der Botschaft, diesmal als Ehefrau. Meine untervermietete Wohnung ist gekündigt, ich ziehe aus. Meine Schwester erwartet ein Baby, ich hoffe, dass es kommt, solange ich noch da bin. Die kommenden Wochen sind schön und anstrengend zugleich. Schön, weil ich meine Familie um mich habe, anstrengend, weil ich mich zwischen den Stühlen fühle. Mein eigenes Leben ist nun in Miami, aber gleichzeitig muss ich es dort erst aufbauen. Das letzte halbe Jahr war aufregend, spannend und voller Überraschungen. Ich weiß, nach meiner Rückkehr fängt der Alltag an; ich möchte eine Arbeit finden, ich weiß nicht, wann ich wieder zurückkommen werde. Erick arbeitet und unsere Kommunikation lässt zu wünschen übrig. Ich fühle mich alleingelassen; während ich im geholfen habe, sein Leben in München zusammenzupacken, bin ich nun auf mich allein gestellt. Drei Tage bevor mein Flug zurück nach Miami geht, kommt meine kleine Nichte auf die Welt. Meine kleine Schwester, meine Mutter und ich besuchen die frisch gebackene Familie zu Hause, wir liegen alle gemeinsam auf dem großen Bett und sind dankbar für den Augenblick.

 

Miami Teil 2

 

Zurück in Miami atme ich auf, ich habe mein Visum und kann endlich loslegen und meine Zukunft planen. Es ist schön, nach sechs Wochen endlich wieder mit Erick zusammen zu sein. Wir sind jetzt verheiratet, es fühlt sich doch etwas anders an als vorher, reifer, erwachsener, besser. Ich beginne, mich mit der Bürokratie Amerikas zu beschäftigen. Sozialversicherung, Arbeitsvisum, Führerscheintest. Ich renne von einem Amt zum nächsten. Das Führerscheinamt findet sich in einer ausgestorbenen Mall in der Nähe des Flughafens. Als Deutsche muss ich nur den Theorietest machen. Ich habe im Internet geübt. Rechts abbiegen bei rot, „first come first serve“ bei Kreuzungen; die Regeln sind gewöhnungsbedürftig für eine Deutsche.

Ich fange an, mich auf dem Arbeitsmarkt in Miami umzusehen. Es sieht erwartungsgemäß düster aus in der Literaturszene. Ich bewerbe mich für eine Stelle als „Theater Manager“ beim Miami Film Festival und werde angenommen. Mein erster Erfolg - ich bin „excited“, wie man hier so schön sagt. Zu Weihnachten fliege ich das erste Mal mit Erick nach Brasilien. Es ist etwas Besonderes für mich, das Land zu sehen, in dem er aufgewachsen ist. Rio de Janeiro ist riesig, wunderschön, gefährlich. Die Familie nimmt mich rührend auf und veranstaltet eine Hochzeitsparty für uns. Die dritte in Folge. Die zwei Wochen vergehen wie im Flug. Mit meinem ersten Job in der Tasche lässt es sich gut ins neue Jahr feiern. Als das Feuerwerk über Rio hochgeht, liegt ein neues, aufregendes Jahr vor uns, voller Schwierigkeiten, Diskussionen, Liebe, Auf und Ab. Nach unserer Rückkehr warte ich auf meine Arbeitserlaubnis, Trump wird gerade als neuer Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt. Die Immigrationsbehörden scheinen still zu stehen und ich warte seit zweieinhalb Monate auf die Erlaubnis - ohne sie werde ich nicht auf dem Festival arbeiten können. Zwei Tage vor Beginn des Festivals kommt endlich der Brief. Die zehn Tage des Festivals vergehen schnell. Die Arbeit macht Spaß, konfrontiert mich aber auch mit meinen Unsicherheiten und amerikanischen Gepflogenheiten. Als ich am Abschiedsbarbecue von Chicken Wings und Nachos umgeben über Waffenpolitik diskutiere und mit meiner Meinung auf weiter Flur alleine bin, vermisse ich Europa doch schmerzlich. Doch ich finde auch Freunde, die mir bleiben werden.

 

Die kommenden Monate bewerbe ich mich viel, meist ohne Erfolg; bei einigen Interviews komme ich in die nächste Auswahl. Am Ende klappt nichts. Ich beginne nebenbei in einer Sprachschule als Deutschlehrerin zu arbeiten, ich habe online eine Weiterbildung zur Deutschlehrerin angefangen. Ich suche den Sinn, versuche Pläne für die Zukunft zu machen, ich bleibe nervös, weiß nicht wohin die Reise geht. Erick und mir bleibt nicht viel Zeit zusammen. Wir genießen die wenigen freien Tage, doch oft streiten wir uns. Mir fehlt die Perspektive, Rückschläge machen mir zu schaffen. Erick ist neben seiner Arbeit an vielen Wochenenden in der Uni, er baut sein Leben auf und bildet sich weiter, ich sehe wie es ihm gefällt - ich fühle das Ungleichgewicht. Während er sein Lebensziel verfolgt, erfolgreich, frisch verheiratet, und von einer Familie träumt, bin ich verloren zwischen Bewerbungen, fehlenden Perspektiven und dem Erwartungsdruck, den ich mir selbst auferlege. Diskussionen über Zukunft, den Wohnort, Rollenverteilung und Familie stellen unsere junge Ehe immer wieder auf die Probe. Kann es gutgehen, wenn einer sein Leben für den anderen aufgibt? Obwohl ich weiß, dass ich meine Entscheidung getroffen habe, hinterfrage ich die Konsequenzen. 

 

Mitte des Jahres beendet Erick seinen Master. Endlich wird es für uns etwas ruhiger. Ich fliege nach Deutschland, zwei meiner engsten Freundinnen heiraten. Die Partys sind laut und wild; für die meisten Gäste hört sich mein Leben exotisch an. Dass der Alltag meist anders aussieht, ist für sie manchmal gar nicht so leicht zu begreifen.

Im Sommer machen Erick und ich Urlaub - in Island, dort wo die Sommer kalt sind und es mehr Schafe als Menschen gibt. Kurz zuvor habe ich mal wieder eine Bewerbung abgeschickt, dann führe ich plötzlich zwischen Wäldern und Fijords Skype-Interviews mit Arbeitgebern in Miami. Als ich zurückkomme, habe ich einen Job als „Art Production Manager“ in einem Start-up. Ich bin überglücklich und aufgeregt. Endlich kann ich wieder zeigen, was ich kann, alle Energie fließt in den neuen Job; es macht mir Spaß, ich beobachte, lerne, bringe meine Ideen ein, ich bekomme Anerkennung. Plötzlich bin ich wieder ich selbst, selbstbewusster, habe mein eigenes Leben und sitze nicht ohne Aufgabe zu Hause. Es gibt wieder einen Sinn, ich kommuniziere, werde erwartet, gestalte. Ich bin stolz auf mich und Erick ist es auch. Wir arbeiten beide viel, doch es geht uns gut. Die Gespräche mit Deutschland, meiner Familie, meinen Freunden werden weniger, der Zeitunterschied und die viele Arbeit machen es schwierig. Am Abend in Miami ist es in Deutschland tiefe Nacht. Erick und mir geht es gut. Wir unternehmen viel an den Wochenenden, reden über die Zukunft und über Familie.

 

Veränderungen Teil 2

 

Drei Monate nach meinem ersten Arbeitstag kommt Erick nach Hause. Er sagt, es könne sein, dass wir in die Schweiz ziehen müssen - schon bald. Oft haben wir darüber gesprochen, oft habe ich davon geträumt, so schnell wie möglich wieder nach Europa zurückgehen zu können, wieder im Literaturbereich zu arbeiten, dort zu sein, wo alles einfacher und vertrauter zu sein scheint. Zwei Monate später packen wir die Koffer. Ich kündige meinen Job früher, um den Umzug zu organisieren. Erick arbeitet durch. Es ist ein Abschied mit gemischten Gefühlen – „bittersweet“, denn Miami ist unser Zuhause geworden, wir haben Freunde gefunden und uns an das Leben hier gewöhnt. Ich freue mich auf die Schweiz, ich hoffe, es wird einfacher für mich werden. Ich weiß, ich werde meiner Familie näher sein. Aber wir müssen wieder von vorne anfangen, uns ein neues Leben aufbauen - für wie lange diesmal?

 

Als ich der Maklerin den Schlüssel unserer Wohnung übergebe, bin ich traurig und erleichtert zugleich. Die letzten beiden Tage verbringen wir in Miami Beach. Die Sonne brennt und leichte Wellen schlagen an den Strand. Wir waren viel zu wenig hier, denke ich. Ericks amerikanischer Kollege fährt uns und die siebzehn Koffer mit seinem Pick-up zum Flughafen. Zwölf Stunden später landen wir in Zürich. Es schneit.

*Die Autorin wohnt seit Februar 2018 mit ihrem Mann in der Schweiz. Mehr Hintergrundinfos auch unter „About“.

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